Perm ist Anfang, Perm ist Aufbruch

Das Glück liegt nicht hinter den Bergen, es ist in Perm...

Boschlektor Reiner Quirin lebt in der MitOst-Festivalstadt 2010 und stimmt uns auf das Ereignis ein.

Bericht aus einer Stadt im Wandel.


Wenn ich im Sommer morgens von der Sonne geweckt werde, genieße ich das Privileg, dass ich zu den ersten in Europa gehöre, denen dieses Glück widerfährt. Ja, Perm liegt nicht „noch“ in Europa, hier fängt Europa an! Neben dem Ural, der bekannten geographischen Scheide zwischen Europa und Asien, gelegen, erstreckt sich die Stadt am Flusslauf der Kama entlang. Unabhängig vom Wetter ist von diesem Gebirgszug nichts zu sehen, es sind nur die natürlichen Reste eines einst mal mächtigen Gebirges. Mehr wissen die wenigsten von Stadt, die einst als letzte Bastion vor Sibirien galt. Was ist das also für ein Ort, an dem ich mich seit über einem Jahr aufhalte?

Perm – was für ein schöner, kurzer Name. Und doch nicht sehr einfach auszusprechen. Auf das m folgt im Russischen noch, für unser Schriftbild unsichtbar, das so genannte Weichheitszeichen und befiehlt dem Sprecher ein weiches m. Der Name der Stadt ist wahrscheinlich aus einer der ethnischen Sprachen entstanden und bedeutet so viel „fernes Land“.

Auf den ersten Blick erscheint die Stadt - geradezu modellhaft - wie eine typische, russische Provinzstadt, durchsetzt mit den gelegentlichen Zeichen der Globalisierung in Form von Einkaufszentren und Hochhäusern. Doch dominiert das übliche Schachbrettmuster an Straßen, einige dominante Betonklötzen wie das Hotel Ural und andere sowjetische Institutionen die Stadt. Das Zentrum ist überschaubar, es wird bestimmt von der „ulica Lenina“, die sich von Bahnhof (Perm II) zu Bahnhof (Perm I, der alte Bahnhof) zieht, und dem „Komsomolskij Prospekt“ (Kompros), der von der Kama zum Ploschad führt. Im Gegensatz zum kleinen Stadtzentrum zählt die Stadt aber zu den drei größten Städten in Russland, was Ausdehnung und Fläche betrifft. Angeschlossen ist Perm an die Transsibirische Eisenbahnstrecke.

Pasternak war hier

Wenn man sich mit den Fakten abgefunden hat und bereit ist, sich auf das Erlebnis Perm einzulassen, bleibt noch vieles zu entdecken. Morgens auf dem Weg zum Hauptgebäude der technischen Universität laufe ich die Sibirskaja entlang und streife dabei das kleine, aber feine Puschkin-Denkmal, das in einem kleinen Park steht und umzäunt ist mit Darstellungen aus seinen Märchenerzählungen. Das ist im Sommer ein beliebter Treffpunkt für Jugendliche, der sich dort treffen und den Abend einläuten. Das passiert in vielen Parks der Stadt, weniger im Gorkij Park, der ebenfalls auf meinem Weg liegt. In diesem stehen viele, verschiedene Attraktionen eines Vergnügungsparks. Spannend wurde es aber, als die Stadt bei einem Theaterfestival die Autoscooter-Bahn als Bühne umfunktioniert: eine spannende Freiluftlocation (trotz des Winters). Überhaupt ist Perm eine Stadt der Bühnen, von der Oper (mit Leninstatue im schönen umschließenden Park) bis über das Dramtheater (mit zwei Ensembles), wieder zwei Eckpunkte der lenina, bis hin zu dem Ballett Ewgenij Panfilow und dem Theater unter der Brücke. Ein kultureller Reichtum, der auch ein Erbe des zweiten Weltkrieges ist, als nicht nur Rüstungsindustrie, sondern auch das Ballett aus St. Petersburg an den Ural verlegt wurde. Man hat dieses Geschenk gepflegt, doch begründet es nicht allein den Ruf. Pasternak war hier und hat Perm als Jurjatino in seinem Dr. Schiwago verewigt, Djagilew hat hier gewohnt, bevor er nach Paris ging und ein internationales Dokumentarfilmfestival gibt es auch.

Heute versucht man diese Tradition zu erneuern und Perm als eine kulturellen Fixpunkt in Russland etablieren. Nicht unumstritten, kulminiert dieser Plan momentan in den Schauen zeitgenössischer Kunst im Museum für moderne Kunst im ehemaligen Flussbahnhof. Sogar Schiffe legen hier noch an, aber im Gebäude hängt provokative, zeitkritische  und für viele gewöhnungsbedürftige Kunst. Der Weg zum Museum führt zu Fuß auf der Uferpromenade an der Kama entlang und lädt zum Schlendern ein.

Perm, offene Stadt

Ich denke, es ist ein schöner, neuer Weg in eine postsowjetische Identität, weg von der Rüstungsindustrie, die Perm jahrelang zur geschlossenen Stadt machte. Wie nachhaltig und demokratisch das gelingt, ist ein anderer spannender Punkt. Nur in die Zukunft braucht man nicht zu blicken, die reiche archaische Vergangenheit gehört auch zum Stadtgebiet, obwohl die Stadt vergleichsweise jung ist. Davon zeugen zwei Museen. An der Kama liegt das Gebietsmuseum in einer schönen restaurierten Villa, die man besuchen sollte. Dort sind die berühmten Kultgegenstände aus dem 4. Jahrhundert v. Chr. mit seltsamen Tierdarstellungen ausgestellt. Diese ethnischen Traditionen werden u. a. im Kamwa-Festival, welches mit dem sehr sehenswerten Holzbauten-Freilichtmuseum „Chochlowka“ verbunden ist, fortgeführt.

Bei der Kathedrale am Kamaufer ist man beim Wahrzeichen der Stadt angelangt. In der ehemaligen Kathedrale, die heute die Permer Kunstgalerie beherbergt, lohnt sich ein Besuch ebenso: Seltenheitswert in Russland haben die sakralen Holzskulpturen. Von dort gelangt man schnell wieder auf den Kompros. Auf der Mittelspur ist ein Gehweg angelegt, der immer wieder mit modernen Skulpturen geschmückt ist. Vor der Technischen Universität stößt man auf den überdimensionalen Leninorden von 1971, den die Stadt als Auszeichnung erhalten hat. Solche Reminiszenzen sind im Stadtbild und vor allem in der Straßennamen immer noch zu finden. Ich persönlich betrachte bestimmte Skulpturen und Bauten dieser Zeit gerne, ohne die historische Einordnung der Symbolik dabei zu vergessen. Kurz vor dem Orden steht ein wesentlich sympathischeres Denkmal, die Permer Salzohren. Jeder kann sich damit fotografieren lassen. Es erinnert an die reiche Salzgewinnung im Permer Gebiet und die Legende der vom Salzschleppen wachsenden Ohren.

Unterwegs ist es ein leichtes sich zu stärken. Cafés und Restaurants gibt es zu Genüge, praktischerweise - und zugleich leider - meistens Ketten. Um nur einige zu nennen: KofeYou, KofeCity, Skovorodka, usw. Einer meiner Lieblingsorte ist die Kellerkneipe „Abyrwalg“, benannt nach einem Wort aus Bulgakows Erzählung „Hundeherz“. Diese satirische Geschichte um einen Hund in Menschengestalt wurde erst 1988 verfilmt und Szenebilder schmücken die Wände. Hier gibt es auch regelmäßig Jamsessions. Ein weiterer musikalischer Treffpunkt nach meinem Geschmack ist der Pub „Gvozd“, wo ich so manches Konzert erlebt habe. Ganz allgemein gibt es eine recht lebendige junge Musikszene in der Stadt, aber auch andere Künstler sind präsent. Die vielen Festivals der Stadt ziehen nicht nur internationale Gäste an, sondern auch das junge Publikum.

Die Stadt hat einen Ruf, relativ frei und offen zu sein. Das kann ich jedenfalls in vielem bestätigen, da kaum Miliz auf den Straßen zu sehen ist und ich noch nie kontrolliert wurde. Wer sich dennoch einen Blick in die mahnende Vergangenheit leisten will, fährt am besten in das Motowilicha-Waffenmuseum oder in das einzigartige Gulag-Museum Perm 36. Das kostet allerdings einen ganzen Tag. Schön als Boschlektor finde ich natürlich, dass neben einigen NGOs auch weitere zivilgesellschaftliche Programme in Perm Fuß gefasst haben. Das Theodor-Heuss-Kolleg hat hier z. B. sein erstes regionales Modell in Russland etablieren können.

Das Beste an Perm bleibt die Neugier der Menschen, auch auf Gäste aus dem Ausland. Man wird willkommen geheißen. Ich lade euch ebenfalls ein, die Stadt an der Kama selbst kennen zu lernen.

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Visuelle Impressionen...

Herzlichen Dank an das Permer Touristen-
informationscenter Krai für die Fotos (www.visitperm.ru)!