Uschhorod - Festivalstadt 2008

U s c h h o r o d :   R e t r o

D i e   S t a d t   i n   d e n   3 0 er   u n d   4 0 e r   J a h r e n,  
g e s e h e n   m i t   f r e m d e n   A u g e n


Von Serhij Fedaka
Aus dem Ukrainischen übersetzt von Ivanka Pekar

Der amerikanische Schriftsteller Erskin Kolduell besuchte Uschhorod im Spätherbst 1938. Im März 1939 erschien in New York sein Buch "Nördlich der Donau". Das Buch erschien gerade zurzeit der Existenz der Karpatenukraine und weckte das Interesse von Amerikanern und Kanadiern an unserer Region. Im Band gab es den Artikel "Die Straßen von Uschhorod". Mit amerikanischer Geschäftsseele fasst der Autor seine Beobachtungen zusammen: "Die fabriklose 25-Tausend-Einwohnerstadt lebte auf ihre Art und Weise. Die Einwohner spazierten auf den Fahrwegen und nicht in der Fußgängerzone, weil es in Uschhorod nur ein paar Autos gab. Die Stadt arbeitete von 5 Uhr morgens bis Mittag. Sie trank Kaffee und las Zeitungen bis um 14 Uhr, und dann aß sie zu Mittag. Am Nachmittag erholte sie sich bis 17 Uhr und arbeitete dann noch drei Stunden lang. Um 20 Uhr aß sie Abendbrot und ging zu Bett."

R e i c h t u m   u n d   A r m u t
Der Artikel ist zweigeteilt. Im ersten Teil wird das stürmische Treiben des Handels im morgendlichen Uschhorod beschrieben. Im zweiten Teil wird dafür geworben, aus Gründen der transkarpatischen Armut nach Kanada umzuziehen. "Noch lange vor 5 Uhr früh, als der Morgenstern aufging, zogen Hunderte von Bäuerinnen in langen Kleidern, eingewickelt in Tücher die Wagen mit Obst und Blumen über die Wege, die in die Stadt führten. Hinter ihnen gingen ihre Männer "Hirten in hohen Stiefeln" und führten Schafe und Ziegen aus den nördlichen Gebirgsorten mit sich". Uschhorod wird zu einem Mikro-Babylon oder einem Bagdad aus den Zeiten von "Tausend und einer Nacht": "Auf den Fußwegen wurden Kartoffeln und Äpfel, Weizen, Hafer, Roggen und Mehl ausgelegt. Niedliche grüne Kräuter gesellten sich hinzu. Einige der Bauern hatten Brot, Butter, runde Käsescheiben, Töpfe mit Sauerkraut und saurer Sahne. Auf einigen Straßen gab es Tische, voll mit Blumen oder auch nur mit Kartoffeln, egal, aber alle Tische wurden mit etwas belegt, was man verkaufen konnte. Hier fand man frische Wurst und verschiedene Köstlichkeiten aus Fleisch. Die Bauern, die keine Tische mehr bekamen, legten ihre Waren direkt auf den Boden, auf die Fußwege und sogar in den Graben. Auf allen Straßen drängte und stieß sich, verhandelte, schrie und kaufte das Viertel der Stadt. Für nur 25 Heller konnte man etwas kaufen, wovon man den ganzen Tag über satt wurde."

Der Artikel ist geprägt vom Widerspruch zwischen dem märchenhaften Reichtum, der schon früh morgens zu Füßen der Menschen liegt, und der Armut, vor der die Einwohner nach Kanada fliehen. Damals war Europa schon von militärpolitischen Widerständen beschwert, infolge dessen  Uschhorod einige Monate nach der Beschreibung schon die Hauptstadt der autonomen Region wurde. In den nächsten Monaten änderte sich ihr Status einige Male, aber die ersten Journalisten, die über das sowjetische Uschhorod schrieben, zeugen davon, dass die schweren Jahre der Stadt ihren Charme nicht nehmen konnten.

U s c h h o r o d   a m   A b e n d
V. Safonov war zweimal in Uschhorod, das erste Mal im Jahre 1945, das zweite Mal 1949. Nach seinen Besuchen veröffentlichte er im Moskauer Verlag "Molodaja Gvardija" ein Buch mit Reiseskizzen: "Die Glocke von Hoverla" (Kolokol Goverly).                                                                                Der Journalist begab sich auf die Spuren des Krieges, die die traditionellen Kontraste der Stadt noch betonten. Eine Brücke war beschädigt, die andere völlig zerstört. "Über die temporäre niedrige Brücke aus Holz fahren Wagen, gehen langsam Ochsen, die ein Junge vor sich her treibt. Nun ziehen sie an einem Haus vorbei, das einem schrecklichen Spielzeug gleicht und mit einer blauen Pflanze bewachsen ist, mit einer Fuhre Körbe voller Trauben. Genau solche Körbe tragen auch die Menschen auf den Köpfen, wenn sie über die Brücke gehen." Der sowjetische Journalist wunderte sich über etwas, was sein westlicher Kollege als selbstverständlich wahrnahm: "Wenn man sich von der Brücke entfernt, ist es still auf den Straßen. Die Stadt befindet sich im Halbschlaf. In dieser Stille kann man Geräusche von Besen hören, denn zu dieser Zeit ist der "Putzdienst" unterwegs. Sehr saubere Straßen".

Am meisten aber beeindruckte V. Safonov das abendliche Uschhorod: "Wie feierlich ist es auf den Straßen, wie voll von Menschen sind sie! An einigen Stellen gibt es kein Durchkommen mehr - dort ist eine Menschenansammlung. Es gibt eine deutlich spürbare Besonderheit des abendlichen Uschhorods. Ein Gefühl der Freiheit, so könnte ich es vielleicht nennen". Im Gegensatz zu anderen Städten der UdSSR erlebte Uschhorod in den 30er Jahren keinen erschöpfenden Terror. Deswegen fiel dem Journalisten das malerische Chaos der Uschhoroder Straßen so ins Auge.

"Die meisten Menschen gibt es natürlich am Kai. Den kann man kaum umgehen. Dort trafen wir städtisch-schicke Männer und Frauen. Herausgeputzte Damen spazierten in Sandalen mit sehr dicken Fußsohlen, die gerade Mode geworden sind. Elegante Männer trugen lange, vollständig zugeknöpfte Jacken, unter denen man ganz kurze Hosen sehen konnte." Aber am stärksten fiel die phantastische Zahl von Kindern auf: "Der ganze Kai war voll von kleinen emaillierten Kinderwagen. Und in den Kinderwagen saßen Buben, manchmal auch zu zweit, mit rosawangigen Gesichtern nickend". Als kleine Erinnerung: Das Geburtenniveau in Transkarpatien nach dem Krieg war viel höher als in anderen Regionen der Ukraine.

D i e   S t a d t   a l s   R o m a n h e l d i n
In den Helden von M. Tarnowskis Roman "Der Morgen an der Uzh" (1952) kann man reale Personen erkennen. So ähnelt der junge Dichter Andrij Palko-Uzhanskiy stark dem realen Andrij Patrus-Karpatskij, einem Menschen mit einem dramatischen Schicksal. 1917 geboren, erlebt er die Ereignisse in den Zeiten der Karpatenukraine. Im Dezember 1938 kam er ins Konzentrationslager im Dorf Kryva. Nach einigen Monaten konnte er nach Polen fliehen. Nach der Vereinigung Galiziens arbeitete er für die sowjetische Presse, war ab den ersten Tagen des Zweiten Weltkrieges Leutnant der Roten Armee. 1946 leitete er den Schriftstellerverein Transkarpatiens, stand jedoch von 1947-56 Repressionen ausgesetzt. Im Roman wird auch Petro Blindur erwähnt, eine Karikatur auf Petro Lindur, der damals ebenfalls unter den Dissidenten war. Seine Rolle im kulturellen Leben des damaligen Uschhorods konnte Autor jedoch nicht verhehlen: "Jeden Monat versammelte er junge Dichter bei sich, lud sie zum Kaffee und zu Gesprächen über die Bestimmung der Kunst ein."

Aber die hellste Romanheldin ist Uschhorod selbst: "Ein Fahrrad nach dem anderen fuhr auf den asphaltierten Wegen und manvövrierte geschickt im bunten, lauten und freudig gestimmten Menschenhaufen, zwischen Jung und Alt." Dann wiederholt der Autor die Worte von Safonov: "Alle Straßen und Plätze waren voller Kinderwagen, schweren, wie Futterkrippen, kleinen, wie Vogelhäuschen, milch- und kaffeefarbigen, gefärbten und emaillierten, geöffneten und geschlossenen, kann man überhaupt alle ihre Besonderheiten aufzählen? Geschmäcker, Möglichkeiten und Familientraditionen, alles dies spiegeln diese Kinderwagen wider."

Und so wird der heutige Kai beschrieben: ?Besonders betriebsam ? man kann einander nirgends ausweichen ? war es am Stalinkai. Und wenn in Ausflugsstunde hier ein Uschhoroder keinen seiner Bekannten traf, dann stimmt mit ihm etwas nicht: denn am Kai liefen sie alle vorbei, mindestens einmal. Ohne dies ? was wäre das für ein Ausflug??

In allen drei Beschreibungen blickt uns eine Stadt mit tausendjähriger Biographie entgegen. Sie lächelt auch noch heute alle Fremden an - so war es damals, so ist es auch heute.

Der Artikel erschien ursprünglich in der "Unabhängigen Kulturzeitschrift I"
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