Uschhorod - Festivalstadt 2008

U s c h h o r o d   o d e r   d i e   K u n s t   z u   L e b e n

Von Serhij Fedaka
Aus dem Ukrainischen übersetzt von Ivanka Pekar

Für die Uschhoroder ist Uschhorod die beste Stadt auf der ganzen Welt. Im Himmel gibt es das Paradies, und auf der Erde "Uschhorod". Die Stadt wurzelt mit ihren Weingärten fest in der Erde und strebt gleichzeitig mit ihren Kirchtürmen gen Himmel. Sogar das Blau des Himmels ist hier anders als anderswo. Das wechselhafte Wetter verändert das Gesicht der Stadt alle paar Minuten, wie in einem Kaleidoskop. Uschhorod ist einerseits ruhig, andererseits auch sehr dynamisch - deswegen kann die Stadt vielleicht manchmal nerven, aber nie langweilen. 

G e s c h i c h t e   a u f   S c h r i t t   u n d   T r i t t
Uschhorod ist eine historische Stadt, in der jeder Stein Geschichte atmet. Man entschuldigt sich sogar beim Steinpflaster, das man zu betreten gezwungen ist. Hier wurde auch eine Reihe von Filmen gedreht, denn das Zentrum bildet eine lebendige Kulisse. In Uschhorod sind bis heute alle Generationen präsent, die hier gelebt, geliebt und gelitten haben. Bis heute ist noch nicht geklärt, von wo die Stadt anfing sich auszubreiten, vom Burghügel (Zamkova Hora) oder von Horjany (ein Vorort von Uschhorod, der ebenfalls auf einem Hügel liegt) und wann genau Uschhorod gegründet wurde. Ein Alter von 1111 Jahren kann jedoch als realistisch gesehen werden. Im alten Graben in Horjany kann man fürstliches Altertum spüren und wenn man auf die Stadt von dem Burgbastion schaut, kann man sich sehr gut vorstellen, dass gerade hier einst der legendäre Fürst Laborez stand.

In der sowjetischen Geschichtsschreibung wurden immer die frühere Armut von Uschhorod sowie der grobe Charakter der Stadt betont. Teile dieser Ansicht sind wahr, andere nicht. Die Stadt war aristokratisch, denn vier Jahre lang bildete Uschhorod das Zentrum des Grundbesitzes der Dynastie Druget, einer der einflussreichsten Familien Ungarns. Sie haben aus ihrer Heimat Italien viele Bauern, Maler und Meister in die Stadt geführt. Uschhorod hat sich aus diesen Gründen wie eine westliche Stadt entwickelt. Italienische und französische Weintraubenarten waren sogar von solch großer Bedeutung, dass die Weintraube auf dem Stadtwappen abgebildet ist.

Der Nachfolger der Drugets, Graf Bertscheni, hat die Uschhoroder Burg in einen der schönsten Paläste in Ostungarn verwandelt. Uschhorod war zudem eines der Zentren des Befreiungkrieges von Ferenc Rákoczi, nach der Niederlage die Stadt.  

Die neue Wiedergeburt nahm ihren Anfang mit der Entwicklung Uschhorods hin zu einem Bischofszentrum. Die Bedeutung des Bischofs Andrij Batschynskyj in der Geschichte von Uschhorod wird häufig unterschätzt, aber gerade dieser hat belebende Tendenzen ins politische, wirtschaftliche und kulturelle Leben gebracht, die noch bis heute zu spüren sind. In einer Zeit, in der sich die Stadt immer schneller entwickelte, wurde der dauerhafte Kampf der Uschhoroder für die Selbstverwaltung ihrer Stadt Mitte des 19. Jahrhunderts erfolgreich beendet.

V o n   e i n e r   E p o c h e   i n   d i e   n ä c h s t e
Im Vergleich zu anderen Städten gibt es in Uschhorod relativ wenige Sehenswürdigkeiten, wenn man nicht alle Häuser im Zentrum zählt, die an sich Sehenswürdigkeiten der besonderen Art darstellen. Architektur ist nicht nur Musik, die in Stein gefroren ist, sie ist auch eingefrorene Geschichte.  Jedes Haus hat sein eigenes Gesicht. Praktisch alle Stile - vom Barock über den Klassizismus bis zum Konstruktivismus begegnen und vermischen sich hier. Beim Schlendern von einer Straße zur nächsten gerät man so ganz unbemerkt von einer Epoche in eine andere. Mal fühlt man sich als Gymnasiallehrer der österreichisch-ungarischen Zeiten, mal als Angestellter der tschechoslowakischen Periode und ein anderes mal als Student der Stalinzeit. Die Geschichte ist das, wodurch sich Uschhorod erfolgreich verkaufen lässt. Doch wie kann man einen Schatz so verkaufen, dass man ihn nicht vollkommen aus der Hand geben muss?

Mit dem Ziel, ihr nur das Beste der Stadt zu zeigen, habe ich einst eine ältere Dame durch Uschhorod geführt. Sehr schnell hat sie die Bemerkung gemacht, dass die Stadt sie mit ihrem besonderen Charme bestochen hat. Nach ein paar Stunden der Begegnung mit Uschhorod möchte man hier länger bleiben, ein weiterer Tropfen im Uschhoroder Meer werden. Uschhorod, während eines Jahrhunderts Teil unterschiedlicher Staaten, hat immer danach gestrebt der jeweiligen Hauptstadt ähnlich zu sein. In den Namen unserer Geschäfte kann man Toponyme aus allen Herren Ländern vorfinden. Es gibt nur wenige Straßen, die mit zufälligen Namen besetzt sind. Die meisten der Straßenschilder erinnen uns jeden Tag an bekannte Uschhoroder, die uns nie wirklich verlassen haben.

A l l t a g   i n   d e n   S t r a ß e n
Die Uschhoroder sind daran gewöhnt, ihren Alltag auf der Straße zu verbringen. Die Stadt wird nie leer. Sogar in der dunkelsten Nacht kann man hier noch gute Bekannte treffen - die Leute verwandeln die Nacht in einen hellen Tag. Am Tag sagst du Grußworte auf jeden Schritt. Mit etwas Übertreibung kann man sogar sagen, dass hier Jeder Jeden kennt. Kehrt man von einer Reise zurück erfährt man alle Nachrichten in ein paar Minuten. Ob man will oder nicht, hier muss man für die Öffentlichkeit leben, weil es schlicht unmöglich ist, sich in solch einer Stadt zu verstecken.

Die am stärksten besuchten Orte in den Uschhoroder Morgenstunden sind die Cafes der Stadt. Man sagt, dass hier am meisten Kaffee pro Kopf im ganzen Land konsumiert wird. Über die Zubereitung des Getränks existieren in der Stadt zahlreiche Mythen, die sich über das ganze Land verbreitet haben.

Ob es so etwas wie den "Uschhoroder Charakter" gibt? etwas Gemeinsames für die Mehrheit der Einwohner? Natürlich sind auch hier alle Menschen sehr unterschiedlich und eben wegen ihrer Einzigartigkeit sehr interessant. Aber die gemeinsame Luft verbindet. Die Uschhoroder sind meistens vernünftig und ruhig. Auch sind die Uschhoroder kreative Leute, zu mindest in ihren Worten; sie lieben es, über ihre Projekte zu berichten. Nicht alles Gesagte wird dabei realisiert, aber wer kann schon ohne Träume leben?

Der Artikel erschien ursprünglich in der "Unabhängigen Kulturzeitschrift I"
Hier geht es zum Originalartikel.