Die Stadt - Uschhorod

K l i t s c h k o   o d e r   d i e   B a h n f a h r t   w i r d   e i n   A b e n t e u e r 

V o n   J u d i t h   S c h i f f e r l e

Heute sind die ersten Schneeflocken gefallen. Den Hügel hoch kommt man nur noch in schnellen Schritten, wenn man langsam geht, rutscht man. Ich wollte früh arbeiten gehen an die Uni. Aber der Weg ist länger als sonst. Zwei Damen vor mir klettern mit Nadelschuhen langsam aber flink über die Wiese.

Seit ich vor drei Tagen in Uzhgorod angekommen bin, ist mein Kopf verdreht. Tiflis habe ich noch nicht ganz verlassen und in Wien bin ich erst mal angekommen, obwohl das Amalienbad schon wieder meilenweit entfernt liegt. Es gibt auch andere Gründe, weshalb meine Rückreise an den Lektoratsort ungewöhnlich und nicht leicht verdaubar verlief. Denn wer hat schon solche Begegnungen in einem Zug, den man zuerst gar nicht besteigen möchte?!

Dass ich ein Damenabteil zugewiesen bekam, war eine automatische Höflichkeit des Wiener Bahnbeamten. Dass ich erstmals aus dem Abteil vertrieben wurde, eine normale Zufälligkeit der östlichen Unbeständigkeit. Aber ich sagte: nein, mit soviel fremden Männern will ich nicht das Abteil teilen, wenn ich einen Platz unter Frauen kriege. Aber die Dame mit dem Kleinkind tauschte eigenhändig, ließ sich ein neues Bett erteilen und stopfte eine unheimliche Leiblichkeit ins Kupe Nummer III, dass ich nur noch trüb aus dem Fenster blickte. Dann aber kam es doch anders als erwartet. Der Mann war zwar in Trainingsanzug und leicht anzuzweifeln, aber seine dunklen Züge verrieten eine georgische Abstammung, worüber ich doch eben gute Erfahrungen hoher Gastfreundlichkeit mitbrachte. Er war Passagier und Provodnik (Wagenchef) zugleich. Wie und wer für was zuständig ist, versteht man nie genau. Der offizielle Provodnik erkannte, dass es kalt war im Zug, lächelte mich an, ob ich friere?, worauf der andere, der leibhaftige in meinem Kupe, sagte, ich dürfe doch nur nicht frieren. Er meinte, er würde ganz zu oberst schlafen und ich in der Mitte. Zu unterst war besetzt für später.

"Sind sie Österreicherin oder Ukrainerin"? "Schweizerin", sagte ich. "Und warum sprechen sie Russisch"? Ich kürzte meine Geschichte für ihn ab. "Na, hören sie mal, ich lerne seit 12 Jahren Deutsch und kann kein Wort schreiben, reden nur soviel: wie ich heiße, wo ich wohne und wohin ich gehe". "Und woher kommen sie"?, "aus der Ukraine, aber ich habe in Deutschland und in den USA gelebt als sportsmen". "Und was für Sport"? "BOX". Das glaubte ich ihm. Er war fast zwei Meter hoch, breit wie eine Wand, und hatte Augen, die nicht ganz zu seinem Körper passten. "Ich habe für die Olympiade trainiert, mit Klitschko." "Echt wahr"?, "Seriosno. Wenn sie wollen, kann ich ihnen ein Foto zeigen", "wollen sie"?, "konechno hochu". Dann verschwand er für ein paar Minuten, ließ mich in dieser Zeit ein Buch schnappen, um Zeilen darin wie Frischluft aufzulesen. Lena, die auf halber Strecke hinzugestiegen war, fürchtete sich vor der Enge im Abteil und machte sich klein wie ein rauchendes Häufchen mit Buch, hinter dem es hustete und dessen Seiten immer größer wurden, so dass von der blonden Frau jede Kontur verschwand. Nachdem der Sportsmen, diesmal in Uniform als offizieller Provodnik gekleidet, im Kupe Nummer III wieder auftauchte, mir auf seinem Handy ein Bildchen zeigte und, zuerst von Weitem, dann in Vergrößerung ganz nah, die Partnerschaft mit Klitschko bewies, freute ich mich doch, die Exklusivität dieses Abteils erfahren zu haben. Das gut aufgelöste Bildchen zeigte meinen Abteilgenossen klein wie einen Zwerg neben einem riesigen, flachgesichtigen Übertier, dessen Lächeln wie aus Zangen geformt war. Der dunkle Knirps daneben hielt etwas Pokalartiges in den Vordergrund des Bildes, an das ich mich nicht mehr erinnern kann, und er strahlte in der Disziplin eines Sowjetsterns, dessen Glanz unter keiner Niederlage verblasst. Er bedankte sich, drehte sich ungemein wendig im schmalen Kabinchen, mal rechts mal links, und tat als wäre es doch nichts anderes als selbstverständlich, von so hohen Rängen (und Betten) hinunter zu steigen, um die Welt aus kleinen Fenstern eines fahrenden Zuges zu betrachten. Für Lena stieg er also aus dem Trainingsanzug und suchte ihr ein stilles Abteil, wo sie für eine halbe Stunde während der 18-stündigen Fahrt (bis nach Kiev) in Ruhe lesen durfte - "wenn sie denn unbedingt lesen müssen", liess er neblige Worte im Kupe zurück und stapfte den Flur auf und ab als hätte er Sporen an den Fersen, bis er wiederkam und sagte: wir wollen doch nur, dass es allen bekömmlich ist bei uns, ICH KANN ihnen auch KINO installieren, wenn sie wollen. Und auch das glaubte ich ihm; denn nachtsüber, mittlerweile ist es morgen geworden, um die 8 Uhr, hörte ich die russischen Nachrichten wie im Traum, und einen Fernseher erblickte ich, was ich noch nie erlebte in einem ukrainischen Nachtzug, als ich Heißwasser holte beim Kipitok (Boiler) am Ende des Wagens. Es war auch zur selben Zeit, als ich hörte, dass sich in diesem Wagen ein Bündel hartgesottener Georgier aufhalten musste, denn in ihrer Sprache verstand ich nur das Wort "Tbilisi", dieses aber um so klarer. Der andere und offizielle Provodnik hat sich mittlerweile aus dem Dienst gestellt und die Pijamahosen übergezogen. Ich kannte ihn von früher, ein Glück, dass er mich nicht wieder erkannte, denn ich hätte zickig sein können auf seine anrüchige Zuvorkommenheit. Auch Lena bemerkte, beim zweiten der beiden, als sie dessen Angebot für Gemütlichkeit im Abteil mit Lektüre und Fernseher angenommen hatte, ihr Gesicht ist mir doch bekannt!, worauf der Helge seinen Stolz für einen allzu kurzen Moment nicht mehr zu verbergen wusste. Im Frühjahr sei sie auch schon diese Strecke gefahren ...

Da wechselte seine Miene das Gesicht, als breiteten sich Regenwolken über den Weiten des Ostens aus.

Hinter den Scheiben rollten auch schon die losen Felder vorbei. An den ins Unbestimmte führenden Geleisen erkannte man, dass die Grenze kam. Aber Chop sah man noch nicht, nur ein paar Hühner und drei wilde Hunde, die aussahen wie frottiert. Der zweite und jetzt offizielle Provodnik schnippte lässig mit den Fingern, die Koffer zu schnüren, und er half mir, als der Wagen stoppte und er die eiserne Verriegelung und das Treppchen zum Aussteigen gelöst hatte, luftig herunterzusteigen, jonglierte linkshändig meinen überschweren Koffer auf den Bahnsteig, so dass die strengen, verzogenen Gesichter der Grenzposten nicht anders konnten als vor mir einen Korridor zu bilden. Sie wiesen mich unter dem sowjetischen Blechdach zur Pass- und Warenkontrolle, wo ich nun selbst einen Moment lang unsicher wurde, dann tauchte die Erinnerung wieder auf: Uzhhorod. vul universystetska 10, 8b, prepodaju, ja Shwejcarka, Evro dvacat?, Hrivnja sto.

Dobre. Und ich durfte in die Marschrutka steigen. Vse davaj poka!

( 25. Januar 2007)