Das Land - Ukraine

L w i w e r   T a n g o

V o n   J u d i t h   S c h i f f e r l e 

Wer glaubt an Zufälle und kleine Wunder?! Ich habe doch Gründe, sie für wahr zu nehmen. Wir waren da, um uns von Kaffeehaus zu Kaffeehaus, von einem armenischen Restaurant zu einem galizischen, dann, später nachts, in die Kellerbar einer alten neu gemachten Bibliothek, die als Lesecafe eingerichtet wurde, zu ziehen und immer weiter und tiefer, bis es zu regnen anfing. Eigentlich alles nicht spannend und genauso wie ich es erwartete.

Aber das Stadtfest streifte uns eben doch, auch wenn die einen ausweichen wollten. Ich freute mich wie ein Kind, zumal es mir so glücklich zumute war. Und zudem wohnten wir in einer prächtigen Wohnung mitten im Lwiwer Zentrum, wo man warm duschen konnte, schlafen wie ein Engel und wusste, beim Aufstehen: Es gibt etwas, was wartet vor dem Tor zur Straße hin, wenn der Alltag auch am Sonntag genau so anhielt wie während der Woche. Da gab es also Schaubühnen am Marktplatz mit galizischen Volkstänzen, kleine Kinder, die vorsangen wie Pavarotti oder Patrick Lindner; kleine Stände mit Tausenden von Leuten vor und dahinter, die Websachen von Behindertenwerkstätten verkauften, kleinere Kinder, die die uralten und so uneben gelegten Pflastersteine in der Altstadt mit Blumen bemalten, Lautsprecher, die dazwischen brüllten, und nicht weniger des öfteren Männer, die auftraten von der Art festgebissener Kriegerkerle aus dem 16. Jahrhundert, die regelmäßig, aber mit Vorwarnung, ihre Büchsen stopften und betäubend laute Schüsse abgaben; daneben Schwertfechter in Mittelalterkostümen, schöne Jünglinge mit Blondschöpfen, galizischem Lockenkopf und der typisch hellen Haut, als könnte sie nie alt werden. Hier also, als unsere Freundin um 15 Uhr Richtung Bahnhof in die Straßenbahn 9 am Arsenal gebracht werden musste, hörte ich über den Büchermarkt hinweg beim Denkmal bekannte Klänge und vor allem Rhythmen, denen ich unvermittelt, wie ferngesteuert, nachgehen musste. Und tatsächlich, wer glaubt es! Hat das jemand schon gesehen!? Hier über dem unebenen Parkett aus riesigen Pflastersteinen, dunklen verrußten Mauern aus dem Barock ? denn man hat sich ein Plätzchen neben der Basilika ausgesucht ?, wurde zu scheppernden Bogenstrichen und lauten, nach Manufaktur klingenden Tastentönen, getanzt; einen Tango, den ich ohne zu fragen mittanzte, mit dem ersten in Schwarz gekleideten Mann, der auf dem Plastikstuhl unter dem Regenschirm saß. Mir kam es vor, geschlossener Augen und beinah die offenen Schuhe verlierend, als gäbe es doch einen echten Tango. Einen, den man nicht sucht, sondern der einen findet. Ich sagte den Freunden, sie sollen essen gehen ...

Сердце моё дрожает!

Und sie fragten nicht nach, nur leicht besorgt: Sehen wir dich wieder?

Meine unpassenden flachen Schuhe erregten Aufmerksamkeit. Ich holte mir, ungeachtet dessen, den zweiten Tänzer, einen großen Galizier mit grauem Hemd und breiter Brust, schwarzen Haaren und einem Gesicht, dem eine Brise Atlantikwind den Blick trübte. Er tanzte wie auf Federn. Bei den leicht geführten Kreuzschritten passte ich auf, weder Schuh noch Distanz zu verlieren und bedankte mich nach dem kurzen Genuss mit lang geatmetem дуууже дякую!

Dann ging ich.

Ich wusste, mehr als eine Regel gebrochen zu haben. Aber ich ließ mir nichts nehmen. Weder die Schuhpflicht, noch die ergebungsvolle Haltung der zierlichen Frauen, die geduldig warten und ausgiebig das Bein zeigen, habe ich ihnen abgeschaut. Ich tanzte mit allem, was ich auf unseren spontanen Wegen mitführte. Weder was sich für den Tango noch was sich für das hiesige Selbstverständnis gehört, habe ich angenommen. Aber ich war für eine kurze Zeit der glücklichste Mensch auf den, selbst heute, in Einsamkeit gehüllten Straßen meiner persönlichen Hauptstadt.

Die Freunde, die immer noch hungrig nach freien Plätzen in Restaurants suchten, riefen mich mehrmals an bis ich, in Vorstellungen versunken, meinen Namen wieder vernahm. Eigentlich habe ich nur zwei Tangos getanzt, aber es war, als hätte ich zwei Tage und Nächte lang mein Herz ergossen.

Das Stadtfest ging zu Ende wie der Regen am Abend dieses letzten Sonntags. Die Dämmerung über der Ebene vor den Karpaten kam unerwartet. Und der Sonnenuntergang im Zugfenster verschwand abrupt und bedauernswert wie alles, was jetzt mit ihm unterging.

(7.5.2007)