Festival-Momente von...

G a l i n a   K u k l e n k o

G R E N Z g e d a n k e n

"Grenzen sind grundsätzlich weder böse oder schlecht,
noch überflüssig oder ausschließlich lästiges Übel.

Vielmehr stellen sie eine Notwendigkeit menschlicher Existenz dar.

Sie werden gebraucht, um sich zu definieren und agieren zu können,

und letztlich auch, um sie wieder in Frage zu stellen,

neu zu definieren und zu überschreiten."

(Strüver A. Schrankenloses Europa, Was Schengen nicht beseitigen kann // Das Parlament Nr. 31/32 2004 S. 1)

B e s e t z u n g :
Ich, Galina
Grenzeinwohner, Grenzeinwohner
Schmuggler, Schmuggler
Angst, Angst
Freunde, MitOst-Festival-TeilnehmerInnen, die Galina an der Grenze besucht und aufgemuntert haben
Engel, Sascha Götz. Er versteht die Grenzzwischenfälle geschickt zu erledigen
Grenzhund, der ungehindert die Grenze vielmals in beiden Richtungen überquert, fehlt in dieser Geschichte

 

 

A k t   I  ( u n d   l e t z t e r)

(Grenze. Die Zeit ist geblieben. Galina schreibt einen Brief in Form einer Postkarte) 

Mal schickt man Postkarten aus der Wärme der südlichen Länder, mal wollen die Grüße aus einer Bar im Westen ausgerichtet werden. Die Motive auf den Postkarten werden sehr sorgfältig ausgewählt, um die Atmosphäre des Landes, seine Topographie und Kultur so präzise wie möglich vermitteln zu können.  wenige Augenblicke davor.

 

L i e b e r   T h o m a s,


diese Postkarte, die du jetzt in deinen Händen hältst, hat gar nichts Typisches an sich. Sie repräsentiert ein Land, das sich nicht durch Himmelsrichtungen definieren lässt. Das Einzige, was man an dieser Postkarte abliest, ist die ewige Zweisamkeit des Landes, das man GRENZE nennt. Eine Landkarte kann auch nicht viel davon verraten. Alles ist verborgen, nur die Konturen lassen sich darauf ganz graziös spielen, in Form einer Linie, mal krumm, mal ganz deutlich, mal hört sie auf und ganz unerwartet fängt sie weiter an zu spielen. Das ist die Grenze, ein Zentrum, eine Metropole, wo alle wichtigen Erfahrungen gesammelt werden und gleichzeitig eine Provinz, eine Peripherie, die immer vernachlässigt wird.

Grenze ist kein Land, das man leicht typisieren kann, und das hat einen einfachen Grund: es handelt sich hier um einmalige Grenzerfahrungen, die immer mit persönlicher Existenz aufgeladen sind.

Die Antwort auf die Frage ob es Leben auf dem Mond gibt, scheitert an Beweisen. Niemand aber wird an einem Leben auf der Grenze zweifeln. Hundert tausende von Anträgen, die einen Reiseführer ausmachen könnten, tragen dazu bei, dieses untypische, einzigartige Land durch folgende Facetten der persönlichen Erfahrungen an der Grenze, durch einen verwelkten Haufen Erinnerungen zu bestimmen:  

Angst, Visum, Kontrolle, Einsamkeit, Mauer, Dekonstruktion, Fremdheit, Chancen, Unsicherheit, Trennlinie, Brücke, Herausforderung, Verbindung, Leere, Kluft, Schwelle, Schranke, Verbot, Nichts, Abgrund, Perspektive, Differenz, Stereotype, Vorschriften, Erfahrung, Adrenalin, Countdown, Tabuisierung, Wechsel, Schlussstrich, Behinderung, Schmerz, Flucht, Neuanfang, Barrierefreiheit. 

Laut Reiseführer, der noch nicht zusammengestellt ist, konzentriert sich das Grenz-Leben auf wenigen Epizentren, die im Volksmund Grenzübergänge genannt werden. In solchen Grenzstätten werden folgende ethnische Gemeinschaften unterschieden: Stammbevölkerung der Grenze, Schmuggler, Touristen, und richtige Grenzverletzer, die manchmal als Gäste empfangen werden. Die Grenzeinwohner werden hier zu einer Minderheit gezählt. Man bewundert manchmal wie sie ihr Privatleben mit ihrer Arbeit an der Grenze so gut kombinieren können. Das wichtigste, das ihre Arbeit ausmacht, ist die strikte Einhaltung der Gesetze und Vorschriften, dass kein Feind die äußeren sowie inneren Konturen ihres Landes verletzt. Wie man an einer Person, die zwei Augen, eine Nase, einen Mund hat, erkennt und auch differenziert, ob sie ein Tourist oder ein tückischer Grenzverletzer ist, verläuft sehr einfach. Durch eine spezielle Grenz-Brille, die Grenzeinwohner immer anhaben, wird eine Grenze zwischen ethnischen Gemeinschaften gezogen.

Jeder, der über die Grenze will, muss eine Passierkarte oder einen Passierschein haben. Diese Regel betrifft natürlich die Schmuggler nicht, weil sie für die Grenzeinwohner uninteressant sind und sehr selten die Grenze an den Grenzübergängen besuchen. Durch die Grenz-Brille ist es offensichtlich, ob man ein Bienchen auf seiner Passierkarte oder ein strenges Du-Darfst-Nicht hat. Das Letztere bedeutet, dass du ein außerordentlich ausgesprochener Grenzverletzer bist und unverzüglich aufgehalten werden musst.

Es passiert an einem regnerischen Tag im Oktober. Die Straßen rein und leer. Du näherst dich langsam der Grenze an. Schritt für Schritt, Atem für Atem bist du deinem Ziel näher. Die einzige Absicht oder eher Hoffnung ist es, deinen Vorstellungen über die Grenzeinwohner und Grenzkultur deutliche Konturen zu verleihen. Die Grenze scheint unsichtbar, als ob sie ihre Farbe auf spielerische Weise absichtlich vor dir verbirgt. An gerade diesem Tag könnte es für dich keine grüne Grenze geben. Hättest du nur das gewusst.

 

 

Du versuchst freundlich einen Gruß auf Grenzisch auszurufen. Je freundlicher deine Stimme klingen will, desto sorgfältiger wirst du geprüft. Deine Papiere werden von allen Seiten betrachtet, von vorne, von hinten, und noch mal verkehrt. Die Grenz-Brillen lügen nie, sie deuten an, dass du kein Bienchen in deinen Papierchen hast und dein Weg gerade an der Grenze endet. Dann wirst du in wenigen Minuten in einen gefährlichen Grenzverletzer, sag GrenzverletzerIn, verwandeln. Dass so eine rapide Verwandlung möglich ist, bestätigt meine eigene Grenz-Erfahrung.

Auf einmal wird die Grenze dicht gemacht, alle zwei Türen sind zu und du findest dich in einer Sackgasse. Punkt. Ende. GRENZE. Du wirst von einer unbeschreiblichen Angst gepackt. Sie erstickt dich, so dass du einen Atem nicht mehr vernehmen kannst. Einatmen, ausatmen,ein, aus. Ganz unbeteiligt beginnst du die Essenz deiner Situation zu begreifen: Du darfst nicht die Grenze verlassen und es gibt auch keinen anderen Weg zurück. Nichts lässt sich auf der Grenze rückgängig machen. "Gib`s auf!" "Bleib hier!" scheint es aus den Grenz-Ecken zu tönen. Nach drei Stunden tritt eine Grenzzeitregel in Kraft. Du darfst mitessen, mitsprechen, sich aktiv an dem Grenzleben beteiligen, sich mit den Freunden treffen, die dir warme Suppe und Kuchen an die Grenze mitbringen, du darfst aber den Grenzstaat nicht verlassen.

Meine Reise auf die Grenze hat ein äußerst glückliches Ende. Nach fünfstündigem herzlichen Empfang von Grenzeinwohnern lässt mir ein ausländischer Botschafter (ist das etwa ein Engel?) ein Bienchen in meine Papiere einstempeln, womit ich mich in eine Grenz-Touristin verwandeln darf. Die Tür ist offen. Ich gehe ganz einfach, in beide Richtungen und nichts geschieht. Es regnet wie vorher. Die Natur hat von diesem Grenzzwischenfall nicht viel mitbekommen. Mein Körper hat sich von dieser Grenze befreit, nicht aber die Teile der Seele. Zusammen mit Erinnerungen ist sie für immer an das Land Grenze gefesselt.

Lieber Thomas, wenn du jetzt meine Grenzgrüße entgegennimmst, gibt es diese GRENZE vielleicht nicht mehr. Gemäß zwischenstaatlichen Vereinbarungen soll diese Grenze in Zeit und Raum verschoben werden. Wer weiß, wo sie jetzt ist. In den Köpfen derer, die dieses Land Grenze mal erlebt haben, bleibt sie aber immer bestehen und kann nicht einmal gelöscht oder verschoben werden.