Lächeln unter anderen Umständen

Interview mit einem belarussischen Festival-Teilnehmer, der internationale Bildungsprojekte mit Jugendlichen und Erwachsenen koordiniert:

Was ist für Sie Belarus und die "Europäische Union"?

Die EU ist eine Union von vielen Ländern, wo man die Werte von Freiheit, Gleichberechtigung wirklich im Alltagsleben nicht nur sehen, sondern auch diskutieren kann. Denn wenn ich die Situation in meinem Land sehe, dann haben wir im Prinzip mehr Kontrolle als Freiheit. Wenn man nach Westeuropa fährt, dann nimmt man einen Atem von Freiheit mit. Dann kommt man wieder nach Weißrussland und wenigstens für ein Jahr reicht es, die Freiheit in Portionen auszuatmen. Ich mag mein Land sehr, weil die Natur schön ist, das ist ein bisschen poetisch, es gibt gute, kreative Leute mit interessanten Ideen, die sogar unter den heutigen Bedingungen sehr viel machen. Die Leute sitzen mit einem Lächeln im Restaurant, ich würde sagen, wir sind nicht von der Mentalität, dass wir mit Schwierigkeiten traurig leben, sondern wir lachen!

Wie schätzen Sie den Widerstand in Belarus ein?

Es kann sein, dass es einen Zufall gibt, dass plötzlich zehntausend auf die Straße gehen würden. Und diese zehntausend würden dann immer wieder kommen. Aber die Umstände sind nicht so wie in der Stalinzeit, dass man Angst haben muss, dass ein Auto in der Nacht kommt und dich mitnimmt. Man hat eine Arbeit, man hat ein Existenzminimum, die Menschen sind dadurch weniger revolutionär. Und über normale Wege wie die Wahlen ist man gewohnt, dass sich nichts mehr verändert. Lukaschenko arbeitet nach dem Prinzip von Stalin: Die Wahlen gewinnt nicht der, der wählt, sondern der der zählt! In Belarus haben nur 20 Prozent der Leute Zugang zu alternativen Informationsquellen, die auch wissen, dass es Deklarationen gibt gegen das Regime. Die unabhängige Tageszeitung "Narodna Volja" können Sie zum Beispiel nicht am Kiosk kaufen.

Projekte für und mit Belarus durchzuführen, wird immer schwerer. Was kann man Ihrer Meinung überhaupt noch tun?

Wenn es die Möglichkeit gibt, dann sollte man private, kleine Projekte machen, keine großen Projekte, weil, man diese sehr gut bremsen kann. Durch viele kleine könnte ein großer "Fluss" entstehen. Aber momentan wird die Situation allgemein immer schlimmer. Deswegen sollte man mit den Leuten, die zur den Demonstrationen kommen, Solidarität zeigen. Nicht nur alle paar Monate, sondern immer wieder.

Wie könnte Belarus in zwanzig Jahren aussehen?

Ich bin optimistischer Pessimist, hier eher Optimist. Gerade das, was ich heute mache, mit all den Schwierigkeiten, muss ich machen, auch wenn es gefährlich ist. Belarus wird vielleicht kein Mitglied der Europäischen Union werden. Aber ich bin auch gegen eine Union mit Russland, denn das bedeutet, wir würden einfach gefressen werden. Die EU würde ich als sehr, sehr guten Nachbar sehen. Ich glaube, Belarus könnte einmal so ein unabhängiger Staat wie die Schweiz werden.

Das Gespräch führte MitOst-Mitglied Andrea Nehr. Nach einem Gesetz, das die belarussische Regierung Ende 2005 verabschiedet hat, können Personen, die sich im Ausland kritisch über Weißrussland äußern, mit Haftstrafen belangt werden. Deshalb wird der Name des Interviewten nicht genannt.

Während des Festivals in Breslau organisierte die Gesellschaft für Auswärtige Politik eine Podiumsdiskussion. Unter dem Thema "Neue Grenzen in Europa" oder "neue Chancen einer Europäischen Nachbarschaftspolitik?" debattierten mehrere Politiker und Politikwissenschaftler über das künftige Verhältnis zwischen Europäischer Union und Belarus.