Hawdala im Weißen Storch

Eine junge Szene und eine reiche Vergangenheit charakterisieren die jüdische Gemeinde Breslaus. Das konnten die Festivalteilnehmer bei Synagogenkonzert und Friedhofsbesuch erfahren.

Nina Körner, n-ost-Korrespondentin

Punkt 18:43 müsste es beginnen, das Hawdala-Konzert, genau zum Sonnenuntergang, genau zum Shabbat-Ende, wenn in ganz Breslau die letzten Sonnenstrahlen durch gelbe Ahornblätter fallen. Doch an diesem Oktobersamstag beginnt es etwas später. Man wartet auf die Gäste des MitOst-Festivals. Mehr als dreihundert Personen drängen sich in der Breslauer Synagoge "Zum weißen Storch" , um den Klezmersound der Gruppe "Cukunft" zu hören. Deren Besetzung ist unkonventionell. Neben Klarinette und Fagott gibt es Schlagzeug und eine Elektrogitarre, auf der zuweilen gegeigt wird. Es gibt nichts, was die Musik aufhalten kann. Nur Erdgeschoss und Decke der Synagoge sind renoviert, die Bögen der zweistöckigen Balustrade zeigen blanke Ziegel. Melancholische und übermütige Töne ziehen durch einen einzigartigen Raum zwischen Jugendstil und Neuer Sachlichkeit. "Hawdala ist ein kleines Ritual, das den Shabbat von der weltlichen Zeit, der Arbeitswoche trennt. Danach haben wir unsere Konzerte benannt", erklärt Karolina Szykierska, die zierliche Organisatorin. Für Karolina sind die Synagogenkonzerte Teil eines jüdischen Revivals: "Die Generation unserer Eltern wurde im Sozialismus atheistisch erzogen. Daher besteht die jüdische Gemeinde zum großen Teil aus älteren Leuten. Doch es gibt immer öfter junge Leute, die nach ihren Wurzeln suchen. Wie bei unseren Konzerten in Breslau." In Breslau, das ist ihr wichtig. Breslau war die Stadt des assimilierten, deutschsprachigen Judentums, im Gegensatz zu Krakau, wo sich das osteuropäische Judentum sammelte. Das zeigen auch die unorthodoxen Formen der Gräber, die kleinen Pyramiden und Tempel in klassizistischem Stil oder in Art Deco, auf dem jüdischen Friedhof im Süden der Stadt. Von 1806 bis 1942 ließ sich das aufgeklärte Judentum hier bestatten. Zwischen Efeuranken, Baumstümpfen, gelben Ahornlaub liegen Berühmtheiten: Ferdinand Lassalle, der Philosoph und Gründer der ersten sozialistischen Partei in Deutschland, nachdem er sich mit dem Vater seiner künftigen Frau duelliert hatte. Mehrere deutsche Kanzler haben bei Polenreisen diesem Grab einen Besuch abgestattet. Oder Edith Stein, die zum katholischen Glauben konvertierte, den Karmeliterinnen beitrat und aus ihrem Ordenshaus deportiert wurde. Seit vierzehn Jahren führt Wladislaw Cagara über das Friedhofsmuseum. "Neun von vierzig jüdischen Nobelpreisträgern stammen aus Breslau und Umgebung", erzählt der alte Mann einer polnischen Schulklasse leidenschaftlich. Dreihundert Mitglieder zählt die jüdische Gemeinde Breslau heute. Mehr als in Krakau, wie Karolina betont. Wegen der bewegten Stadtgeschichte, dem Kommen und Gehen verschiedener Nationalitäten, findet sie nichts typischer für Breslau als Internationalität und Offenheit. Wenn sich auch alte Möbel im Flur der Synagoge stapeln, die Stiegen baufällig sind und die Renovierung sich wegen fehlender Mittel hinzieht, so ist Breslau, nach Karolinas Worten, doch "der schönste Fleck in Polen". Mag sein, dass mancher Festivalteilnehmer ihre Meinung teilt, während er über den nächtlichen Synagogenhof geht und das gelbe Laub leise unter den Füßen raschelt.