MitOst-Festival 2004 - Dokugruppe

Das Café Intro in Vilnius "Ganz und gar nicht introvertiert"

von Grzegorz Nocko, Polen

Als am Donnerstag Nachmittag das Festival beginnt, ist es ist noch kalt in den Räumen der künftigen Zentrale. Die Wände sind kahl, leere Stühle und an den schwedischen Ikea-Stil erinnernde Sofas stehen ein bisschen unsortiert. Doch neue Plakate und Wandsprüche werden aufgehangen und Barkeeper und Garderobenfrau richten ihre Arbeitsplätze.

Das zweite MitOst-Festival hatte seinen Mittelpunkt in Vilnius im Cafe Intro. Die ehemalige Druckerei auf der Maironio-Straße 3 im Zentrum der litauischen Hauptstadt wurde für fünf Tage zum Zentrum, Restaurant, Bar, Club und Seminarraum für das Festival des MitOst-Vereins. Begrüßungsveranstaltungen, Tanzabende, Konzerte, Seminare und die riesige Abschlussparty gab es hier.
Grosse Schilder mit der Beschriftung "MitOst-Festival" machen gleich am Eingang auf das Ereignis aufmerksam. Hinter einem farbig dekorierten Pult im hinteren Teil der Halle steht DJ Tobias Hipp vom Koordinationsteam des Theodor-Heuss-Kollegs. Er gibt den Ton an. Das Festival ist noch nicht eröffnet, immer noch ist es sehr kalt, Holzlatten liegen auf dem Fußboden, ein paar Tische stehen wahllos im Raum. Doch schon am nächsten Tag füllen sich die Räume mit Leben. Mascha (21) aus Sibirien mit dem bunten Schal drückt die Hand ihrer alten Freundin Erika (25) aus Ungarn. Die beiden haben sich sehr lange nicht mehr gesehen.
Ivona (21) ist total begeistert: "Es gibt ja sogar zwei Teile in diesem Cafe, eine Tanzfläche mit Bar und der Unterhaltungsraum mit den Fotoausstellungen!" Das finde ich supertoll, und die Stimmung "Würzig, funkelnd, satt", schwärmt die Tschechin. Auf einer Seite sieht man die Ideenbörse, auf der anderen wieder Fotoausstellungen und Sammelstellen für die kreativsten Ideen. Hier trifft man verschiedene Leute, Kulturen und Mentalitäten.
Für Maxi (23) scheint das alles ein bisschen "unfertig, wie auf einer Baustelle"zu sein. Einerseits freut sie sich über genügend Platz zum Tanzen, andererseits sei es aber ein wenig ungemütlich, das Licht sei zwar diskotauglich aber die Musik zu laut zum Unterhalten. Olga (23) aus Polen kritisiert auch die wenigen Kommunikationsmöglichkeiten und sagt: "Es fehlt eine behagliche Atmosphäre, die Leute anregt, ins Gespräch zu kommen." Maria sieht das ganz anders: "Hier gibt es alles, Raum zum Diskutieren, Seminare abhalten und Ausspannen, aber auch genügend Platz zum Feiern und Leute treffen sowie immer ein warmes Mittagessen."
Im Cafe Intro hat niemand einen Vorteil. Jeder muss genauso lang in einer Schlange für Bier oder Essen stehen und nutzt die Gelegenheit zum eifrigen Diskutieren. Traditionelles litauisches Essen wie z.B. Zeppeline, fleischgefüllte Kartoffelknödel, werden serviert.
Für Olga (23) aus Belarus ist das Intro der Lieblingsplatz während des Festivals: "Ich finde es hier total gemütlich und war ganz begeistert von dem Konzert des litauischen Jazz-Trios, das derzeit die Nr. 1 in hier ist."
In nächsten Festivaltagen, sind die Wände nicht mehr kahl und kalt. Die Teilnehmer aus 20 verschiedenen Ländern Mittel- und Osteuropas zeigen ihre Kreativität und schaffen eine einzigartige Atmosphäre. Sogar die Garderobenfrau lächelt häufiger. Die Barkeeper verraten der Kundschaft Alkoholarten und Preise. "Ein bisschen schade, dass es hier nicht gerade billig ist", bedauert Maxi aus Deutschland. Ex-Boschlektorin Anja aus Zittau lobt dagegen die nette Bedienung an der Bar. Sie ist sich sicher: "Das MitOst-Festival in Vilnius werde ich immer mit der super Atmosphäre im Intro verbinden, denn hier habe ich die meiste Zeit des Festivals verbracht. Und auch Julia hat es sehr gefallen: "Auf jeden Fall hat jeder eine Unmenge Spaß gehabt, Wir sind ja schließlich direkt im Zentrum Europas!"

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Alle wege führen nach Vilnius: Die interessantesten Anreisevarianten von Wolgograd bis Marburg.

Von Silke Erdmann

Als die Idee entstand, das 2. MitOst-Festival in Vilnius stattfinden zu lassen, hat sicher keiner der Veranstalter geahnt, dass diese Entscheidung einigen der mehr als 350 Teilnehmern erstaunliche Möglichkeiten bietet, verschiedenste Verkehrsmittel zu nutzen und gleich noch ein paar andere Länder und Städte kennenzulernen.
Irina, THK-Stipendiatin aus Omsk, setzte sich bereits am 20. Oktober in den Zug gen Moskau. Die Fahrt dauerte 42 Stunden und in Moskau musste dann das litauische Visum organisiert werden. Glücklicherweise gibt es immer Verwandte und Freunde, bei denen man die lästige Wartezeit angenehm verbringen kann. Das Visum in den Händen ging es weiter nach Minsk und von dort mit dem Bus nach Vilnius. Die Strecke schafft man in zwei Stunden. Aber drei Stunden Wartezeit an der Grenze machen die Anreise doch noch etwas spannender.
Ungewöhnliche Wartezeit an der Grenze hatten weitere 17 Festival-Teilnehmer aus Russland. Dabei hätte alles so einfach sein können: Direktzug Moskau-Vilnius. Als einer der Reisenden aus dem Nachbarwaggon ins Abteil kommt, und sagt, er müsse an der Grenze aussteigen, es gäbe Probleme, hält Mascha, ehemalige THK-Stipendiatin aus Tjumen, das für einen Witz. "Ich dachte wirklich, dass er es nicht ernst meinte. Aber dann kamen die Grenzbeamten auch in unseren Waggon, fragten nach einem Versicherungsschein, den keiner von uns hatte, und wir mussten uns anziehen, die Sachen packen und aussteigen."
Zu siebzehnt saßen sie in einem kleinen Zimmer in der Grenze, "es sah ein bisschen aus wie ein Gefängnis", sagt Mascha. Aber Valera fügt hinzu: "Es wäre schlimmer gewesen, wenn jeder von uns allein gewesen wäre. So waren wir zusammen und es war fast lustig."
Man wartet auf die Rettung: Ein Fax vom litauischen Außenministerium. Als dieses endlich kommt, dürfen alle 17 "Gefängnisinsassen" in den nächsten Zug Richtung Vilnius einsteigen.
Irritation löste auch Sergey aus Wolgograd bei einem Grenzbeamten aus. Der 26-jährige Student aus Marburg reiste in einem Bus voller Deutscher Richtung Vilnius. Der Grenzbeamte warf nur flüchtige Blicke auf die Pässe. Nicht so auf Sergeys Pass. Wie kommt ein Russe in einen Bus voller Deutscher?
Nach der ersten Irritation gab der Grenzer brummig nach und die Fahrt konnte weitergehen.
Passprobleme hatten auch die Boschlektoren in der Ukraine.

Da gab es einen Bus Kiev-Vilnius. Das hätte eigentlich bedeutet, 10 Stunden vom Standort nach Kiew zufahren, in den Bus einzusteigen und 12 Stunden später in Vilnius erholt anzukommen. Leider führte die Busroute durch Belarus. Und wenn ein deutscher Pass an vielen Grenzen wenig Probleme macht, so hilft er an der ukrainisch-belarussischen Grenze nicht weiter. Deutsche brauchen ein Transitvisum für Belarus und das bekommt man nicht so einfach. Was tun? Man fährt um Belarus herum. Und so stieg Anja am Sonntagabend in Slovjansk in den Zug nach Kiew, dort in den Zug nach Warschau, um den Warschau-Vilnius-Bus zu erreichen. Ankunft Mittwochnacht um 2 Uhr. Statt möglicher 22 Stunden Reisezeit waren es 55 Stunden. Und die lang erträumte heiße Dusche wurde in Anbetracht der Zeit auf den nächsten Morgen verschoben.
Catharina setzte sich ins Flugzeug Dnipropetrowsk-Kiev, flog weiter nach Warschau, um auch dort in den Bus zu steigen. Zwei Flüge in eine Richtung waren billiger als ein Flug allein.
Ähnlich überraschende Kostenfaktoren beeinflussten auch die Anreise von Doreen, Boschlektorin in Miskolc, Ungarn. Der Flug Budapest-Warschau war zu teuer. Ebenso der Flug Budapest-Vilnius. Aber Doreen fand eine billige Variante: Mit dem Zug am Dienstagmorgen von Miskolc nach Budapest. Mit dem Flugzeug von Budapest nach Berlin. Mit dem Zug von Berlin nach Warschau und dann mit dem Bus nach Vilnius.
Mit der größten Verspätung kam Christiane, DAAD-Sprachassistentin aus Wroclaw, an. Statt 22 Uhr Donnerstagabend erreichte sie erst am Freitagnachmittag um 16 Uhr Vilnius.
"Ich durfte im Flughafenhotel übernachten. War doch ein nettes Angebot und sowas macht man ja sonst nicht", sagt sie schmunzelnd.
Eine aber hat es geschafft, aus einem anderen Land völlig umstandslos anzureisen.
Ihre Taktik: Nicht zum Festival anmelden. Kein Hotel im Voraus buchen. Drei Tage vor der Reise noch nicht wissen, ob man sie tatsächlich macht.
Isabelle, Boschlektorin in Liepaja, Lettland, hat einen Hamster als Haustier. Dieser Hamster ist eine Sie und hatte gerade Junge bekommen. Und die kann man ja nicht mitten in der Abnabelungsphase allein lassen. Da diese Phase aber doch etwas früher stattfand, als erwartet, entschied sich Isabelle zur Reise nach Vilnius. Sie stieg um 12 Uhr am Donnerstag in den Bus, kam um 14.45 Uhr in Klajpeda an, um nach 5 Minuten Wartezeit in den Bus nach Vilnius zu steigen und kam um 18.45 Uhr an. Ohne Grenzprobleme, ohne Verzögerungen, sogar eine Stunde früher als geplant.
Vielleicht können wir von diesem Beispiel für unsere Rückreisen lernen...

PS: Nicht alle Wege scheinen nach Vilnius zu führen. Hans-Peter Letzgus scheiterte schon in Stuttgart aus einem simplen Grund: Die S-Bahn kam nicht.

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Hohe Stiefel, kurzer Rock: "typisch deutsch". Über Klischees unter Osteuropa-Experten.

Von Martina, Maxi Kunert, Deutschland

"Höflichkeit, Professionalität - und sie lachen immer, so ein automatisches Lächeln", sagt Ivona, 21, ohne zu überlegen. Mit dieser spontanen Reaktion auf die Frage nach den hervorstechendsten Merkmalen der Deutschen steht die Tschechin, die seit drei Wochen in Deutschland lebt, nicht allein. Bei den meisten osteuropäischen Festival-Teilnehmern, die auf ihr Deutschlandbild angesprochen werden, findet sich "Höflichkeit" an erster Stelle. Ebenso scheint die vielzitierte deutsche Pünktlichkeit fest in den Köpfen verankert zu sein, denn bei fast allen Befragten rangiert sie unter den ersten drei Eigenschaften. Doch Natascha (21) und Wladimir (18) aus Russland haben dieses Bild nach dem Zusammentreffen mit verschiedenen Deutschen bereits revidiert: "Die Deutschen, die wir kennen gelernt haben, sind immer unpünktlich!", hat Wladimir während seines Jahres beim Theodor-Heuss-Kolleg festgestellt. Wie auch immer es mit dem deutschen Zeitbewusstsein aussieht, sicher ist für die beiden jedenfalls, dass Deutsche "bei Seminaren gen im Kreis sitzen" und dass sie vor allem "sehr kontaktfreudig" sind. In Bezug auf das Aussehen äußern sich alle Gesprächspartner fast einheitlich: Im "Westen" kleidet man sich im Vergleich zu den Osteuropäern eher "sportlich", während elegante Kleidung im Alltag sowie Röcke und Stiefel mit hohen Absätzen ganz klar nicht dem deutschen Geschmack zugeordnet werden. Dass dieses Klischee sogar von einigen deutschen Boschlektorinnen gepflegt wird, erschreckt mich allerdings ein wenig, sprechen doch Schaufenster und Modekataloge in Deutschland eine andere Sprache.
Also, wie sind sie denn nun, die Deutschen, die immerhin gut zwei Drittel der MitOst-Mitglieder stellen? Am Ende der Recherche zeigt sich auf der Liste der deutschen Eigenschaften Höflichkeit, Pünktlichkeit und Offenheit auch die Neigung, sich an die Regeln zu halten. Außerdem besteht bei vielen der Eindruck, dass im Vergleich mit osteuropäischen Völkern die Deutschen eher ernsthaft und weniger emotional, aber meistens freundlich sind. Thomas, der als Boschlektor in Brünn/Tschechien war und nun in Prag arbeitet, bestätigt die meisten der genannten Unterschiede zu den Osteuropäern aus deutscher Perspektive. Auf die Frage nach seiner Vorstellung des charakteristischen Russen nennt er gleichzeitig "Warmherzigkeit" und "Unfreundlichkeit".
Dass es "viele Vorurteile" in den einzelnen Ländern gibt, wie bei ihr zu Hause in der Slowakei, das ist auch Radka (21) bewusst.

Doch alle Befragten im Cafe "Intro", ob aus Ost oder West, sind sich einig, dass auf dem MitOst-Festival fast alle Klischees überwunden werden. Aussagen wie "Die Deutschen sind sehr laut und essen und trinken viel", werden spätestens hier wieder relativiert. "Mein Sibirien-Klischee hat starke Risse erlitten", sagt Thomas. "Und die deutschen Leute, die sich für MOE-Länder interessieren, sind sowieso nicht typisch, bemerkt jemand an der Theke.

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Unter uns "die Neuen bei MitOst"

Von Reinhold von Ungern-Sternberg, Berlin/Deutschland

Das diesjährige Festival in Vilnius hat deutlich gezeigt: Es gibt viele neue Gesichter bei MitOst. 1200 Mitglieder hat der Verein insgesamt, in den letzten drei Jahren kamen jeweils 300 Neue hinzu.
Manche bereiten gerade Projekte für das Theodor-Heuss-Kolleg vor, weitere haben vor kurzem ihre Stelle als Kulturmanager oder Bosch-Lektor angetreten, wieder andere wurden von Freunden auf die Programme der Robert Bosch Stiftung aufmerksam gemacht und sind mit Neugierde und vielen Erwartungen zum Festival gefahren.

Svitlana (19) aus Kiew hat über eine Freundin aus Lwiw von MitOst erfahren. Beim Festival beeindruckten sie zunächst "all die Leute, die schon so viel gemacht haben". Svitlana hat schon Projektideen zu den Themen Sprache und Literatur, Fotografie oder Umweltschutz. Die junge Ukrainerin mit dem kurzen blonden Pferdeschwanz und großen runden Ohrringen macht einen offenen, selbstbewussten Eindruck. Und das nicht nur, weil sie ihren ersten Abschluss in Kiew schon gemacht hat und jetzt in Passau BWL studiert. Sie hat bereits in Kiew für eine deutsche Maschinenbau-Firma gearbeitet und eigene Beiträge für den Sender "Public Radio" gemacht.

Ingo (28), Diplomkaufmann aus Berlin, war vor zehn Jahren in Polen und pflegt seitdem seine Kontakte dorthin. Er hat noch an keinem Programm der Robert Bosch Stiftung teilgenommen, freut sich aber über die "Plattform mit Leuten, die gemeinsame Interessen haben". Er erfuhr beim MEZIUM-Festival in Tschechien von MitOst. Ingo hat bereits viele Ideen, zum Beispiel ein Projekt zu kommunalem Kino.

Svitlana und Ingo sind keineswegs typische Neumitglieder, denn jede/r hat hier wirklich seine ganz eigene Geschichte und Bezug zu MitOst. Karin (49) arbeitet in einem Verein zur Sozialarbeit in Berlin-Kreuzberg und wollte Kontakt zu einem der neuen EU-Länder aufnehmen, Leute und Sprache kennen lernen. Ihre Litauisch-Lehrerin in Berlin erzählte ihr von MitOst und Karin freute sich über die Gelegenheit, zu dem Festival gerade nach Litauen fahren zu können. "Von MitOst erwarte ich zunächst einmal Information über Mittel- und Osteuropa. Außerdem gefällt mir das Netzwerk. "MitOst ist anders, als andere Vereine", das fasziniert sie. "Kulturaustausch ist etwas elitärer als soziale Arbeit, von der ich komme. Eine gute Sache?", findet Karin und vergleicht es mit ihrer Sozialarbeit im Stadtteil.

Zum Workshop "Treffpunkt für Neu-Mitglieder", "Was ist ein Verein" kamen 30 Interessierte und ließen sich die Struktur eines "e.V., eines "eingetragenen Vereins" nach deutschem Recht, von Waldemar (27) vom Programm "Kulturmanager aus Mittel- und Osteuropa" am Beispiel MitOst e.V. erklären. Als der Unterschied von ehrenamtlicher und angestellter Funktion anhand von Geschäftsführung und Vorstand erläutert wird, kommt es zur Diskussion der Teilnehmer über die Frage, ob und wie MitOst ohne einen Geschäftsführer funktionieren würde.

Für Pawel (21) ist diese Frage allerdings untergeordnet. Der Student der Internationalen Beziehungen aus Tjumen schätzt an dem gesamten Spektrum des Robert Bosch Engagements in Mittel- und Osteuropa die "Vermittlung demokratischer Werte". Für charakteristisch hält er außerdem den "zwischennationalen Dialog als Geist des MitOst-Festivals". Pawel, dessen erste Fremdsprache Französisch ist, findet es "gut, wenn Deutsch als Sprache des internationalen Austauschs einmal nicht hinter dem Englischen zurücksteht".

Doch nicht nur die "älteren" MitOst-ler haben sich viele neue Gesichter zu merken, den Neu-Mitgliedern geht es erst recht so: "Das Schlimmste ist, dass es hier so viele Namen gibt", meint Sascha (20), die ansonsten mit ihrem ersten Festival-Besuch sehr zufrieden ist und sich auf jeden Fall mit einem THK-Projekt einbringen möchte. Zurück in Moskau wird sie zuerst einmal über ihre Erlebnisse in der Zeitschrift "Vitamin.de" berichten.

Die schönsten Beitrittsgründe:Marko (24) aus Görlitz: "Ich bin wegen meiner Freundin eingetreten." (Er hat aber vorher an einem THK-Projekt teilgenommen.) Ina (31) aus Esslingen auf die Frage, wann sie beigetreten ist: "Es ist mir peinlich, wann ich eingetreten bin." (vor kurzem nämlich) "Ich kann das auch begründen: MitOst ist mein Rettungsanker im Mittel- und Osteuropa-uninteressierten Südwesten Deutschlands." (Darum arbeitet sie auch als ehemalige Bosch-Lektorin bei der Bosch Stiftung in Stuttgart und organisiert jetzt einen MitOst-Salon vor Ort.)

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Die Wohnungstür ist immer offen. Eine Rentnerin aus Vilnius erzählt aus ihrem Leben.

Von Olesya Shumkova, Russland

Kaum schließt Leokadia Busdakowa die Wohnungstür hinter sich, rinnen Tränen über ihr glattes Gesicht. Hinter einem Taschentuch versucht sie ihre Schmerzen zu verbergen. "Vor drei Monaten ist mein Mann gestorben", entschuldigt sich die 72-Jährige mit traurig nach oben gezogenen Augenbrauen.

Leokadia Busdakowa wurde 1932 in Vilnius als Tochter polnischer Eltern geboren. Sie hatte noch drei Brüder und drei Schwestern. "Alle sind gut in unserer Familie. Säufer und Verbrecher gibt es nicht."

Mit 19 heiratete sie den 22-jährigen Boleslaw, einen Russen. Bevor sie ihren künftigen Mann kennen lernte wohnte er in Murmansk, ganz im Norden Russlands auf der Halbinsel Kola. Nach seinem Wehrdienst kam er 1952 zu Verwandten nach Vilnius. Nachdem er Leokadia hier lange den Hof gemacht hat, stimmte sie zu, seine Ehefrau zu werden. Die Hochzeit war nicht sehr fröhlich, denn kurz zuvor sterben die Mutter Leokadias und auch Genosse Stalin. "Der erste Tod war ein Trauerfall für die ganze Familie, der zweite für das ganze Land", erinnert sie sich. Aber trotzdem war die Hochzeit ein großes Fest: Viele Gäste, Musik, Glückwünsche, eine glückliche Braut und ein stolzer Bräutigam. Ihre kirchliche Trauung war eine ziemlich mutige Tat, denn in der damalige Sowjetunion war jede religiöse Betätigung nicht gern gesehen.
Noch heute wohnt Leokadia in einer sogenannten "Chruschtschewka", eine der kleinen Wohnungen in jenen identisch aussehenden Häusern, die in den 1960ern überall im Land tausendfach gebaut wurden. Als Leokadia und Boleslaw eine Zweizimmerwohnung in ein solches Haus zogen, hatten sie schon eine Tochter und einen Sohn. "Wir waren eine richtige Familie", erinnert sich Leokadia und schaut in den verregneten Innenhof ihres Wohnblocks. Die sechs Birken gleich neben den Wäschständern hat ihr Mann damals gepflanzt. "Er wollte den Hof gemütlicher machen", sagt sie.
Mit den Bäumen wuchsen auch ihre Kinder heran. Beide lernten an einer litauischen Schule und später an einer litauischen Universität. Der Sohn wohnt und arbeitet in Vilnius. Er kommt jede Woche zu Leokadia und hilft ihr bei der Hausarbeit. Seine Schwester wohnt mit ihrer Familie in einem Dorf in Polen und führt dort ihren eigenen Haushalt. Ihre beiden Töchter lernen auf einer polnischen Schule in Vilnius. Die Ältere wohnt seit drei Monaten in Deutschland und arbeitet dort als Babysitterin.
Leokadia selbst schaut auf eine bewegtes Arbeitsleben zurück: 52 Jahre war sie Krankenschwester in einer Stomatologie. Ihr Mann hat als Arbeiter im Stahlwerk gearbeitet. "Das war gefährliche aber gut bezahlte Arbeit", so Leokadia. Es herrschte nie Geldmangel und seine Rente war auch ziemlich hoch, höher als ihre, erzählt sie. Aber als Boleslaw vor drei Monaten starb, wurde Leokadias Leben schwieriger. Sie wohnt jetzt allein und lebt von 350 Litas (rund 100 Euro) im Monat. Ungefähr 280 Litas muss sie für Heizung und Wasser in ihrer Wohnung zahlen. Leokadia sagt, dass ihre Rettung ein Sonderladen ist. Dies ist eines von unzähligen Geschäften, wo man billige aber trotzdem gute Second-Hand-Kleidung aus Westeuropa kaufen kann.

Die 72-jährige Leokadia steht jeden Tag spätestens um halb Acht auf. In der Zeit bringt die Briefträgerin die Tageszeitung. Früher las und besprach Leokadia die Meldungen in der Zeitungen mit ihrem Mann. Jetzt bespricht sie die Nachrichten mit den Nachbarn, die immer zu ihr eingeladen sind. Leokadia schließt die Tür nur ab, wenn sie schläft oder das Haus verläßt. Wenn Leokadia zu Hause ist, ist die Tür immer geöffnet und man kann sie immer besuchen. Die Rentnerin freut sich auf jeden Besuch und ist sehr gastfreundlich.
Leokadia wünscht allen MitOstlern eine erfolgreiche und gute Arbeit mit grossem Lohn und viel Liebe, solcher Liebe, wie sie zwischen ihr und ihrem Ehemann die gesamten 51 Jahre geherrscht hat.

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Zwölf bunte Häuser und zwölf Single-Frauen. Wie das SOS-Kinderdorf bei Vilnius funktioniert.

Von Silke Erdmann, Deutschland

"Alle Frauen, die hier arbeiten müssen natürlich Single sein. Unverheiratet oder geschieden macht dabei keinen Unterschied". Diese eher ungewöhnliche Einstellungsbedingung gilt in allen SOS-Kinderdörfern für Frauen, die sich als "Mutter" bewerben. Audrius Natkevicius, Direktor der Assioziation SOS-Kinderdorf in Litauen, hat sich Zeit genommen, über das derzeit einzige Kinderdorf in Litauen zu erzählen.
Er spricht Englisch, neben ihm sitzt Dainius Miezys, Direktor des Kinderdorfes in Vilnius, er lächelt freundlich und scheint aufmerksam zuzuhören, obwohl er kein Englisch versteht.
Das Dorf in Vilnius ist zehn Autominuten vom Zentrum entfernt, die Gegend scheint ein wenig abgeschieden. Zwölf Häuser in den Farben rosa, hellblau, gelb und grün gibt es. Das heißt auch 12 Familien. Zwölf Mütter mit bis zu sieben Kindern, derzeit 65 Kinder insgesamt. Im Januar feiert das Dorf seinen zehnten Geburtstag und die ersten Kindern verlassen das Dorf bereits und versuchen sich in Eigenständigkeit und Unabhängigkeit.
Die Häuser haben einen Gemeinschaftsraum, Bad und Küche und Schlafzimmer für die Kinder, in denen möglichst immer zwei Kinder gemeinsam schlafen. Haustiere sind erlaubt.

Der Alltag ist Alltag. Aufstehen, gemeinsam Essen, Kindergarten oder Schule außerhalb des Dorfes, Arbeitsaufteilung im Haus, jeden Freitag ist Hausputz angesagt.
In den Kinderzimmern hängen Poster an den Wänden von Serienstars, leider ist kein Bild von Kommissar Rex erhältlich, der von einigen Kindern hier sehr geliebt wird.
Die Mütter sind Frauen, die oft selbst schon erwachsene Kinder haben, geschieden oder Witwen sind. Oft auch Frauen, die keine Kinder haben und diesen Weg für sich gefunden haben, Mutter zu sein. Sie müssen ein Probejahr als Tante ableisten, in dem sie einer Mutter zur Hand gehen. Dann erst wird die Entscheidung über eine Einstellung für zehn Jahre gefällt und erst dann erhält sie eine Familie. Findet sie in dieser Zeit einen festen Lebenspartner, muss sie das Dorf verlassen.

Im Haus "Dieter", benannt nach einem Sponsor, wohnt Regina. Sie ist seit drei Jahren Mutter im SOS-Kinderdorf. Auf Russisch beantwortet sie geduldig alle Fragen, obwohl das Mittagessen auf dem Herd bereits fast fertig vor sich hin köchelt. Die Kinder posieren für die Fotos, auch wenn sie eigentlich kaum etwas verstehen.
Regina erzählt von den Hochs und Tiefs, erzählt, dass sie selbst, wenn sie Urlaub hat oder mal einen Tag frei, gedanklich immer "Zu Hause" ist, überlegt, was gekauft oder gemacht werden muss.
Ihr schönstes Erlebnis war eine Tasse Kaffee - gekocht von einem Jungen ihrer Familie, der anfangs eher schwierig und nicht sofort in die Gemeinschaft integrierbar war. Eines Morgens überraschte er sie mit einer Tasse Kaffee. Einfach so. Ohne Hintergedanken.
Schwer für Regina ist es, wenn Kinder ihr Vertrauen missbrauchen. Eine Enttäuschung, mit der sie nach all den Jahren noch immer schwer umgehen kann.
Während sie Fragen an die Kinder übersetzt, erzählt der Direktor, dass interessierte Gäste immer erfreulich seien. Aber das Interesse der Fremden zeige den Kindern leider auch immer wieder, dass sie wohl doch anders seien als andere. Diesen Eindruck sollen die Kinder eben nicht bekommen. Sie alle sind Waisenkinder und Kinder aus sozial schwachen Familien, aber sie wollen natürlich nicht als solche wahrgenommen werden.
Freizeiteinrichtungen in Vilnius geben den Kinderdorfkindern die Möglichkeit zu niedrigen Preisen ihre Angebote zu nutzen. Der Rektor stellt ihnen die Bescheinigungen aus, aber oft wollen die Kinder und Jugendliche diese gar nicht haben.
Ziel des Kinderdorfes ist es, diese Kinder lebensfähig zu machen, sie zu autonomen und selbstbewussten Persönlichkeiten heranreifen zu lassen.
Vätern gibt es bisher nicht. Auch Versuche mit Paaren kommen eher selten vor. Einige Kinderdörfer in anderen Ländern engagieren aber für im Dorf anfallende schwere Arbeit Männer, die dann zu Onkeln werden.

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Schreiben lernen

Von Peter Hoberg, Berlin/Deutschland

In der Tamasaitis-Galerie fand am Freitagvormittag die Werkstatt "Einführung ins journalistische Schreiben" statt. Unter Anleitung von Andreas Metz, Mitgründer und Redakteur des ein Jahr alten Korrespondentennetzwerks n-ost, diskutierten 15 Festivalteilnehmer Grundregeln des Journalismus.
Arbeitsethos, Themenauswahl, Recherche, Stilform: neunzig Minuten dauerte der Schnellkurs zu Schreibrezepten. "Da kann man vieles natürlich nur anreißen", sagte der Referent gleich zu Beginn der Werkstatt, veranschaulichte die vorgestellten Regeln dann aber durch mehrere Beispiele aus der MOE-Journalistenpraxis. Fazit für die Teilnehmer? Wer ein Thema hat und Sprachgefühl, sollte einfach mal drauflos schreiben und sich ausprobieren. Denn gutes journalistisches Schreiben kann man Andreas Metz zufolge ohnehin nicht nur theoretisch lernen.

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"Labas dienas. Noreciau arbatos." Litauisch für Anfänger.

Von Reinhold von Ungern-Sternberg, Berlin/Deutschland

"Labas dienas. Noreciau arbatos." - "Guten Tag. Ich möchte Tee", sagt Sascha (20) aus Moskau wie aus der Pistole geschossen zu dem Kellner neben sich. Die acht Leute im Raum lachen...
Und Sascha lacht mit, denn sie sitzt gerade im "Litauisch für Anfänger"-Kurs im Polnischen Institut. Der "Kellner", die 31-jährige charmante Sprachlehrerin Vilma, verbessert die stark spanisch klingende Aussprache Saschas.

Die ungewohnte Sprache mit den vielen Vokalen, lateinisch und slawisch klingenden Wörtern verführt die Kursteilnehmer aus fast allen MitOst-Ländern zu unsauberer Aussprache. Niemand hat hier einen Vorsprung, vielleicht Frank aus Brünn, der sich offenbar schon seit Tagen in freier Kommunikation auf Vilnius´ Strassen geübt hat und bereits wissen möchte, wie er auf Litauisch Rotwein bestellen kann. "Ich habe Angst, dass ich sonst Weißen bekomme", erklärt er mit einem verschmitzten Lächeln. Die anderen kämpfen noch mit Kennenlern-Formeln, wie: "Manovardas" (Ich heiße...) oder "A? e su i?... (Ich bin aus...). Doch schon eine halbe Stunde später können alle etwas zum Trinken bestellen, zum Beispiel 100 Bier. "Große oder kleine"?, fragt die Sprachlehrerin den imaginären Gast ohne mit der Wimper zu zucken zurück.
Der kurze Mittagsworkshop macht die Sprache für viele noch rätselhafter, als sie vorher schon schien, doch bleibt auch Zeit für Scherze und Diskussionen. Anne (25) aus Göttingen erklärt der Runde spontan den Gebrauch des Genitivs bei der Verneinung im Polnischen, worauf Goscha aus Polen erstaunt ausruft: "Stimmt! Das habe ich mir noch nie überlegt." Immer öfter lobt Vilma die Gruppe: "Gerai! Labe gerai!" (Gut! Sehr gut!)

Zum Schluss lernen die Teilnehmer noch einen Trinkspruch: "Sedim sedim / knapsom knapsom / norim gerti / napso napso." Was er bedeutet, fragte keiner mehr, und wer weiß, wie viele Lokalgäste dieser Spruch in den nächsten Tagen noch belustigte... Na dann: "Sveikata!" (Prost!) und "Viso gero!" (Alles Gute!).

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Lieben und Genießen. Russen kommen nicht immer weit in Litauens Hauptstadt.

Von Irina Golenkova, Omsk/Russland

"Ich bin zum ersten Mal in Vilnus und überhaupt im Baltikum", erzählen viele Festival-Teilnehmer. Tausend Fotos von Vilnus werden sie noch lange nach dem MitOst-Treffen an das neu entdeckte Vilnus und seine Einwohner errinnern. Neben den Fotos aber werden die Vereinsmitglieder ihre Erfahrungen mit Vilnus und seinen Bewohnern mit nach Hause nehmen. Das Dokumentationsteam hat MitOstler über Vilnus befragt, aber auch die Meinungen von Litauern eingefangen darüber, wie sie sich selbst sehen.

Die Umfrage unter den MitOstlern über ihren Erfahrungen in Vilnus reichen von der oft gegebenen Charakteristik: "Die Vilniuser sind so nett!" bis zu negativen Erfahrungen und Kommunikationsproblemen in den Geschäften der Stadt. Besonders geografisch ergibt sich ein interessanter Zusammenhang: Wenn viele MitOstler, die aus dem Westen kommen, meistens positiv von Vilnus sprechen, unterscheiden sich die Meinungen russischsprachiger MitOstler sehr stark, besonders wenn es um Freundlichkeit und die Offenheit der Einheimischen geht.
Die russischen MitOstler Sereza (Tscheljabinsk) und Gulnas (Ufa) finden die Leute aus Vilnus sehr freundlich und weltoffen. Dima aus St. Petersburg assoziiert Vilnus und seine Bewohner mit "Lächeln, kostengünstigem Leben und Schönheit". Für Pascha aus Tjumen ist das Gefühl der Sicherheit ein positiver Eindruck, weil "man nie hier keine Angst haben muss, sondern sogar Nachts spazieren gehen kann". Jura aus Sibirien ist von der Schönheit der Stadt und besonders von den Leuten beeindruckt: "Die Vilnuser verstehen viele Sprachen, auch Russisch sprechen sie sehr gut, sie sind tolerant, gastfreundlich und ruhig."

Im Gegenteil dazu findet der sibirische MitOstler Wladimir, dass die Vilniuser manchmal zu unfreundlich gegenüber russischsprachigen Ausländern seien. Er spricht in den Vilniuser Cafés lieber Englisch als Russisch, weil es "für Russen im Café weniger freie Plätze gibt als für Englischsprachige." Eine MitOstlerin aus Belarus stimmt ihm zu: "Einige Vilnuser sehen nicht sehr freundlich aus. Ich hatte ein paar unangenehme Erfahrungen beim Einkaufen, besonders einmal, als ich aus Versehen die Verkäuferin am Kiosk nach einem Rubel statt einem Lit fragte."
Doch Russen, die schon lange in der Region leben, werten diese Beobachtungen ähnlich: Wladimir aus Kaliningrad besucht seit Jahren in Vilnus seine Verwandten. Der 45-Jährige ist der Meinung, dass die Vilniuser meistens sehr gastfreundlich und nett zu Ausländern sind. "Aber leider nicht immer, wenn man nur Russisch sprechen kann", sagt er. "Wenn ich junge Leute auf Russisch den dem Weg frage, werde ich oft in eine andere Richtung geschickt oder bekomme eine Antwort auf Litauisch".

Der 42-jährige russische Emigrant Jewgeni aus Nowgorod, der seit 21 Jahren in Vilnus wohnt, findet die Vilnuser sehr kommunikativ und freundlich. Er unterstreicht aber, wie wichtig es für russische Emigranten ist, Litauisch gut zu beherrschen.
Zwei Studenten der Fakultät für Kunst an der Universität Vilnus, die in Vilnus geboren sind und da ständig wohnen, sind der Meinung, dass die meisten Vilnuser ziemlich freundlich und tolerant zu allen Ausländern sind. Die negativen Erfahrungen von russischsprachigen Besuchern erklären sie mehr als eine Ausnahmen von der Regel. "Die Vilniuser haben eine gute Meinung von den einfachen russischen Leuten, ihnen gefallen nur die russischen Politiker nicht." Beide beschreiben sich und die Vilniuser als recht pragmatisch: "Drei Begriffe spielen eine sehr wichtige Rolle: Liebe, Genuss und Geld."

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