Novi Sad

Was für ein Gesicht macht Novi Sad?

Vor allem die Anreise mit dem Zug verspricht erst einmal nicht mehr als weitläufige Prärie. Kein Hügelchen, kein Wässerchen. Felder, Felder, Felder. Und zwischendrin kleine Dörfer. Sobald jedoch der Zug in den Bahnhof von Novi Sad einrollt, ändert sich das. Da versprechen nicht nur die bewälderten Hügel und Berge des Naturschutzparks Fruška Gora südlich der Donau Abwechslung… auch das Städtchen Novi Sad, welches die entspannte Lethargie der Vojvodina nicht ganz abschütteln kann, hat so einige Ecken, die man unbedingt kennenlernen sollte…

 

Unbekannte Sehenswürdigkeiten

Kineski Četvrt
Das „chinesische Viertel“ (um den Namen ranken sich verschiedenste Geschichten) ist ein an der Donau gelegenes Quartier, in dem sich lange Zeit vor allem Werkstätten und Lagerhallen befanden. Seit einiger Zeit jedoch entwickelt sich das Viertel zu einem gut besuchten Ort in der Stadt – auch wenn es ein Stück entfernt vom Zentrum liegt. Nicht nur Bars, Clubs und ein Fast Food Restaurant sind dort zu finden, sondern auch selbstorganisierte Projekte wie bspw. das Društveni Centar, ein seit zwei Jahren besetztes Projekt. So ist das Kineski Četvrt ein Zentrum für politisches, kulturelles und musikalisches Zusammentreffen und ein spannender Anlaufpunkt für einen Spaziergang.

Najlon
Der Najlonmarkt ist ein unglaublich großer Flohmarkt, bzw. ein Markt für alles was man so brauchen (und auch nicht brauchen) könnte. In den 90er Jahren begann das Markttreiben dort als Schwarzmarkt, heute ist es eine kuriose Mischung aus Möbel-, Pflanzen-, Lebensmittel-, Kleider- und vor allem Flohmarkt. So gut wie alles ist dort zu finden. Man sollte nur genügend Zeit, Geduld und zudem etwas Geschick im Verhandeln mitbringen.

Bekannte Sehenswürdigkeiten

Zmaj Jovina
Die Zmaj Jovina ist die zentrale Fußgängerzone, Einkaufs- und Cafémeile Novi Sads. Auch wenn man nicht genau weiß, wo sie liegt, wird man sie sofort erkennen: An den vielen Menschen, die in der Nachmittagssonne hindurchflanieren oder in den zahlreichen Cafés sitzen, Kaffee trinken und die Passanten betrachten. Rechts und links von der Zmaj Jovina befinden sich zudem zahlreiche kleine Passagen, in denen es einiges zu entdecken gibt.

Platz der Freiheit
Der Platz der Freiheit (trg Slobode) ist der zentrale Platz Novi Sads. Er ist ein Zeugnis verschiedenster historischer Epochen. Denn er ist umgeben von der sogenannten Kathedrale, die eigentlich keine Kathedrale ist, dem Hotel Vojvodina, dem Rathaus und weiteren Gebäuden unterschiedlichster architektonischer Baustile. Aber er ist nicht nur Abbild vojvodinischer Geschichte. Denn gleichzeitig eröffnet der Platz einen spannenden Einblick in die Gegenwart, denn hier tummeln sich zu allen Tageszeiten die Bewohner der Stadt. Der Platz ist ein Treffpunkt für junge und alte Menschen, Spielplatz für Kinder, Verkaufsort für Künstler, Veranstaltungsort und noch viel mehr.

Denkmal für die Opfer des Massakers von Novi Sad
Am Ufer der Donau gelegen, erinnert das Denkmal an die jüdischen und serbischen Menschen, die 1942 von ungarischen Truppen ermordet wurden. Jedes Jahr im Januar findet eine Gedenkveranstaltung zum Jahrestag des Massakers statt. Diese wird jedoch auch zunehmend von serbisch-nationalistischer Seite instrumentalisiert.

 

Kulinarisches

Essen, am besten gutes und gehaltvolles, ist in Novi Sad bzw. der Vojvodina von sehr großer Bedeutung. Dementsprechend viel davon gibt es in Novi Sad. Anhand des Essens kann man auf eine leckere Art und Weise die Essgewohnheiten unterschiedlichster Bevölkerungsgruppen kennenlernen. Dazu gibt es nicht nur an jeder Straßenecke eine Bäckerei, wo man Burek, Pita, Štrudla, Palatschinken und weitere Speisen ausprobieren kann, sondern auch kleine und große, sowie günstige und teure Restaurants. Einige davon sind:

Gusan
In einer der Passagen, die von der Zmaj Jovina abgehen, befindet sich die Bierstube Gusan (Pivnica Gusan). Hier gibt es nicht nur Bier, sondern auch Essen zu fairen Preisen. Hier wird dem Gast vor allem Hausmannskost geboten. Auf der Karte sind aber auch eine kleine Anzahl vegetarischer Speisen und Salate zu finden.
www.pivnicagusan.rs

Ananda
Ananda ist ein kleines, sehr nettes Restaurant ein Stück außerhalb vom Zentrum (etwa 10 Gehminuten entfernt). Das Besondere daran: es ist ein veganes Restaurant. Jeden Tag gibt es ein Tagesmenü aus Suppe, Salat und Hauptgericht bestehend. Außer dem Tagesmenü verspricht die Speisekarte aber auch noch weitere Gerichte!
Mit diesem Angebot zeigen die Köche von Ananda die Vielfältigkeit veganer Ernährung. Damit schaffen sie es auch, dem Vorurteil die Stirn zu bieten, dass es auf dem Balkan unmöglich ist, vegan oder vegetarisch zu leben.
www.ananda.rs

Index
Index ist kein Restaurant, sondern ein Fastfood-Gericht, welches man an verschiedenen Orten in der Stadt bekommt. Index, das sind Sandwiches aller Art (auch hier vegan und vegetarisch möglich), die frisch zubereitet und nach eigenem Geschmack zusammengestellt werden. Vor allem zu später Stunde tummeln sich die vom Tanzen hungrig gewordenen um die rund um die Uhr geöffneten „Index-Buden“, wie zum Beispiel das Index House und Index Vanessa.

Abends Ausgehen

Am Wochenende füllen sich die Straßen des Zentrums erst so richtig mit Menschen, die die zahlreichen Lokalitäten zum Tanzen, Biertrinken, Freunde treffen etc. besuchen. Je nach Geschmack, ist für alle was dabei.

Laze Telečkog
Tagsüber eine kleine, mit Cafés gepflasterte, gemütliche Seitenstraße der Zmaj Jovina, wird die Laze Telečkog am Abend zu einem Schlauch, durch den sich die ganzen party-hungrigen Menschen aus Novi Sad drängen. Da hört man jugoslawische 80er-Jahre-Hits aus einer und Turbofolk aus der nächsten Tür schallen, während im Keller nebenan gerade die Coverband des Nachbarn auftritt. Der einzige Weg das zu verstehen ist, Mut zu sammeln und sich in die Menge zu stürzen, um sich das ganze selbst anzugucken. Empfehlenswert für diejenigen, die wirklich Lust auf Menschenmassen haben und sich nicht so schnell von schlechter Musik abschrecken lassen.  

Izba
Café, Bar, Konzertraum, Tanzfläche und Ausstellung in einem, das ist die Izba. Während man den Hauswein trinkt und tanzt, kann man sich nebenbei noch die Bilder meist lokaler Künstler anschauen und dann gleich weiter in den Keller, wo ab und an Konzerte stattfinden. Oder wenn man es lieber langsam angehen lässt, bietet sowohl die Innen- als auch die Hofeinrichtung entspannte Sitzmöglichkeiten.

CK13
Im Jugendzentrum CK13 findet fast jeden Tag eine Veranstaltung statt. Filme, Diskussionen, Volxküche und natürlich auch Konzerte  wobei dabei der Musikstil so breit gefächert ist wie das Programm des Zentrums an sich. Da ist für jeden mal was dabei.
www.ck13.org

Cafés

Die Anzahl der Cafés in Novi Sad im Verhältnis zur Zahl der Einwohner ist vermutlich nur schwer zu überbieten und deren Frequentierung noch viel schwerer. Kaffee oder frisch gepresste Limonade trinken, Kuchen bzw. Sahnetorte oder Baklava essen, sich mit Freunden oder geschäftlich im Café treffen, ist einfach fester Bestandteil des Alltags. Mindestens einmal, gerne auch zweimal oder mehrmals täglich. Dazu bieten die Innenstadt und auch noch einige kleinere versteckte Cafés die besten Möglichkeiten.

Porta
Die Katolička Porta ist ein Platz hinter der Kathedrale, der am Abend Treffpunkt vieler junger Menschen ist und gleichzeitig, umzingelt von zahlreichen Cafés, auch tagsüber Tische und Stühle für Gäste in der Sonne bereithält.

Bezec
Das Bezec befindet sich in einer kleinen schattigen (im Sommer sehr erfrischend kühlen) Passage im Zentrum der Stadt. Nette Bedienung, Musik, guter türkischer (bzw. domaća kafa) oder kaltes gezapftes Bier bringen die Gefahr oder auch das Glück des Zeitvergessens mit sich.

Nublu
Buchladen, kitschiger Caféschick und weinüberwachsener Hinterhof gefällig? Dann ab ins Nublu! Hinzu kommen noch hauseigene und einige nicht hauseigene Katzen und schon wird das Kaffeetrinken niemals langweilig. Achtung: Nichts für Allergiker!

 

Kunst und Kulturgenuss

Novi Sad versammelt unzählig viele kreative und aktive Menschen, sodass neben dem Cafébesuch auch das Kunst- und Kulturleben zelebriert wird. Jährliche Festivals in der Innenstadt, temporäre Kunstaktionen und Streetart im öffentlichen Raum, sowie institutionalisierte und nicht nur temporäre Einrichtungen zum Kunst- und Kulturgenuss lassen sich in Novi Sad finden.

Serbisches und ungarisches Theater
Auf die multiethnische Bevölkerung verweisend, gibt es in Novi Sad zwei große Theater: Das Serbische Nationaltheater (von außen architektonisch ein Kracher) und das ungarische Theater (von innen sehr schön anzusehen). Während im serbischen Theater von Dramen über Opern bis hin zu Ballet alles zu sehen ist, bietet das (viel kleinere) ungarische Theater neben dem gängigen Programm auch Raum für experimentelle und multimediale Vorführungen (auf ungarisch aber meist mit serbischen Untertiteln oder umgekehrt!).

Museum für zeitgenössische Kunst
Das Museum in Novi Sad hat, wie auch das in Belgrad, mit dem Fokus auf zeitgenössischer Kunst keinen leichten Stand. Finanzielle Mittel sind knapp und werden knapper – vor allem in diesem kulturellen Bereich, welcher politisch kaum eine Rolle spielt. Dennoch überrascht das Museum mit immer wieder interessanten Ausstellungen von internationalen und regionalen Künstlern.
www.msuv.org

Synagoge
Die Synagoge im Stadtzentrum wird mittlerweile nicht mehr als solche genutzt. Die jüdische Gemeinde der Stadt ist zu klein, um das Gebäude finanziell tragen zu können. Sie dient jetzt als Ort für kulturelle Veranstaltungen. Wenn gerade keine Veranstaltung stattfindet, ist sie auch offen für Besichtigungen.

Art Klinika / Šok zadruga
Die Art Klinika war sozusagen ein Pendant zu den Einrichtungen der Hochkultur. Etabliert aber subkulturell wurden von hier aus Ausstellungen, Aktionen und Zeichenkurse organisiert und angeboten. Mit der knapper werdenden finanziellen Unterstützung erklärte sie ihren eigenen Tod und gleichzeitig ihre Fortsetzung innerhalb der Šok zadruga (Shock alliance). Diese hält an der Organisation von Ausstellungen fest, fokussiert auf die regionale und europaweite Vernetzung kleiner Kunstschaffender und die Beziehung zwischen Peripherie und Zentrum, sowie Balkan und Europa.
www.cargocollective.com/testament/ART-KLINIKA

Stadtgrün

Grün gibt es, nicht sofort sichtbar, aber dennoch viel in der Stadt. Neben dem sehr zentralen Dunavski Park, in dem sich abends auch gern junge Menschen treffen, gibt es noch den Limanski und Futoski Park. Noch schöner oder grüner sind aber die Wälder und Strände, die die Donau umgeben. Der öffentliche Donaustrand (mit dem Namen Štrand) ist hundefrei, gepflegt, mit Wiesen, Cafés und Essensständen ausgestattet, kostet aber ein bisschen Eintritt. Wer auf all diese genannten Merkmale verzichten kann und Sandstrand im Schatten wild gewachsener Bäume mit gelegentlicher Gesellschaft netter (Straßen-)Hunde mag, kann auch die „inoffiziellen“ Strände besuchen. Ohne musikalische Beschallung und ohne Platzmangel.
Auch Grün, aber ein bisschen anders, sind die zahlreichen Obst- und Gemüsemärkte der Stadt. Hier kann regionales, frisches Obst und Gemüse gekauft, mit den Verkäufern getratscht oder einfach nur mal drüberspaziert werden.

Drumherum

Auch in der ganz nahen Umgebung der Stadt lassen sich schöne bis spannende Orte finden, die gut mit dem Bus oder per Anhalter zu erreichen sind. Hier nur zwei Beispiele:

Sremski Karlovci…
...ist ein kleines Städtchen 10 Kilometer von Novi Sad entfernt. Von historischer Bedeutung ist es vor allem wegen der Friedenskirche, in welcher 1699 der Friedensvertrag zwischen Osmanen und Habsburgern geschlossen wurde. Außerdem gab es hier das erste Gymnasium der Region, welches bis heute als Gymnasium mit einem Fokus auf Fremdsprachen besteht.
Das Städtchen ist zudem für die vielen Winzereien und guten Wein bekannt. Laut Legende wurde sogar eine Flasche Bermuth (süßer Wein) aus Karlovci auf dem Wrack der Titanic gefunden.

Fruška Gora…
…ist ein gegenüber der Stadt, südlich der Donau gelegener Naturschutzpark. Mit vielen verschiedenen Wanderrouten, zahlreichen zu entdeckenden orthodoxen Klöstern und Partisannendenkmälern und viel kühlem Schatten im heißen Sommer, lädt der Park zu Tages- oder Wochenendausflügen ein.

 

Wie kommt man durch die Stadt?

Novi Sad zieht sich flächenmäßig zwar ein bisschen in die Weite, dennoch ist eigentlich alles gut zu Fuß erreichbar. Das Fahrrad ist ein gutes Verkehrsmittel in Novi Sad – vor allem wenn man ein bisschen Risiko mag und sich an eher schlecht als recht ausgebauten Fahrradwegen nicht stört.
Ansonsten, wenn die Füße mal müde sind, kommt man mit Bussen in alle möglichen Ecken der Stadt und auch den Taxi-Preisen ist nach einer langen Nacht manchmal nicht zu widerstehen.

In Stimmung kommen

Einen kleinen, sehr netten Reiseführer gibt es von inter:est. In der Reihe Little Global Cities erschienen, macht er Lust auf die sichtbaren Orte und versteckten Ecken der Stadt.
Musikalisch kann man sich natürlich auch schon mal einstimmen. Lokale bzw. regionale und teilweise noch junge Bands wie Obojeni Program (Novi Sad), Žen (Zagreb), Repetitor (Belgrad) oder auch politischer Hip Hop von Gypsy Mafia aus Zrenjanin sind da nur einige Vorschläge.

Zum Mitnehmen

Wenn man auf dem Najlon nicht fündig geworden ist und sich nicht mit Kleinigkeiten eindecken konnte, gibt es da noch zahlreiche jüngere und ältere Menschen, die sich handwerklich betätigen und Schmuck zu (unmöglich) günstigen Preisen in der Stadt verkaufen, in Geschäften, auf der Straße und auf Bazaren. Nimmt man sich lieber kulinarische Kleinigkeiten mit, dann sind eine Flasche hausgemachter Rakija (domaća rakija), selbstgemachter Ajvar oder Kastanienpüree von einem der Märkte zu empfehlen.

Wann?

Da der Sommer sehr heiß und der Winter sehr kalt ist, versprechen Frühling und Herbst die besten Reisezeiten zu sein. In diesen Jahreszeiten ist auch sicher, dass sich die sonst so vielen Menschen in der Stadt nicht ans Meer (im Sommer) bzw. an die Heizung (im Winter) geflüchtet haben. Im Gegenteil: die Straßen und Cafes sind voller Menschen und die Sonne bringt grüne Frühlingsbelaubung und buntes Herbstlaub zum Leuchten.

Info

Hanna Stein hat Europastudien und Kulturwissenschaften studiert. Vor dem Ende des Studiums wollt sie nochmal "kurz irgendwo anders hin".
Zwei Jahre später kam sie zurück aus Novi Sad.
In den Stadtgesichtern beschreibt sie nur einige der vielen Aspekte, die sie so lang in dieser kleinen Stadt an der Donau gehalten haben.