Die unbekannte Stimme – Memoiren einer Russisch-Dolmetscherin der Nürnberger Prozesse, Vortrag mit Lesung

Die Nürnberger Prozesse waren in vielerlei Hinsicht ein bahnbrechendes historisches Ereignis. Unter Anderem erfuhr in Nürnberg die internationale Öffentlichkeit zum ersten Mal vom Ausmaß der deutschen Verbrechen. Die Kommunikation während der viersprachig abgehaltenen Prozesse war überhaupt nur möglich durch die Pionierleistung der damaligen Dolmetscher und die gerade erst entwickelte und erstmals eingesetzte Technik für das simultane Dolmetschen. Viele der Dolmetscherinnen und Dolmetscher waren selbst Betroffene des Kriegs gewesen, hatten Familie verloren, waren vertrieben worden, emigriert, geflüchtet, als Militärs zurück nach Europa gekommen.

In den Prozessen standen sie teilweise ihren eigenen früheren Widersachern gegenüber. Einige der englisch- und französischsprachigen Dolmetscher haben diese Ereignisse später verarbeitet und ihre Memoiren verfasst; sehr bekannt wurde Richard W. Sonnenfeldts "Mehr als ein Leben". Gänzlich unterrepräsentiert blieb bei diesen Veröffentlichungen die russische Perspektive. Erst 2013 wurden die Memoiren der Russisch-Dolmetscherin Tatjana Stupnikova ins Deutsche übersetzt und damit hierzulande zugänglich gemacht. Sie bieten eben jenen vernachlässigten sowjetischen Blickwinkel, denn: Die Nürnberger Zeugenaussagen berichteten auch erstmalig über die
poltisch-militärische Kooperation der Sowjetunion und Deutschlands vor 1941. Die war 1946 eine sensationelle Neuigkeit – und gleichzeitig in der totalitären Sowjetunion ein verbotenes Wissen. Die sowjetischen Dolmetscher befanden sich damit in einer gefährlichen persönlichen Lage: In Nürnberg erfuhren sie aus erster Hand von den geheimen Zusatzprotokollen zum Hitler-Stalin-Pakt von 1939 und der Ermordung polnischer Offiziere in Katyn durch die Rote Armee. Die Verdolmetschung der deutschen Täter, Zeugen und Überlebenden der Konzentrationslager stellte die sowjetischen Dolmetscher vor eine persönliche Zerreisprobe – wie mit dem Wissen umgehen?

Zu diesem Themenkomplex plant das Projektteam einen Vortrag mit Lesung.

Moderation: Daria Shirkova, Lektorin für Russisch, Fachbereich Translations-, Sprach- und Kulturwissenschaft, Universität Mainz

Vortragende: Marina Rybalkina, Kristina Gette, Mitglieder der Projektgruppe zur Übersetzung der Memoiren der sowjetischen Dolmetscherin Tatjana Stupnikova ins Deutsche

Die Lesung steht im Kontext der Ausstellung "Ein Prozess – Vier Sprachen. Wer waren die Dolmetscher bei den Nürnberger Prozessen?", die vom 4. bis 9. August 2014 im DGB-Haus gezeigt wird. Dabei handelt es sich eine biografische Posterausstellung, die der internationalen Verband der Konferenzdolmetscher (Association Internationale des Interprètes de Conférence – AIIC) recherchiert
und zusammengestellt hat. Diese Ausstellung wird von einer Veranstaltungsreihe begleitet, beginnend mit der Eröffnung am 3. August, einer Veranstaltung mit dem Titel "Zwischen den Fronten – Dolmetscher-
Schicksale in Krisengebieten" am 5. August und einem Abend zum Thema "Menschenrechte im Gerichtssaal" am 6. August.

Projektinfo

Zeit: 8. August 2014, 18:30 Uhr

Ort: DGB-Haus Keithstraße 3–4, 10787 Berlin

Leitung:
Vivi Bentin

Projektteam:
Elke Limberger-Katsumi

Weitere Informationen: www.aiic.de/geschichte

Projektflyer

Kontakt:
bentin(at)d-interp.de