Zwanzig-Forint-Operette – Eine Budapester Straßenfantasie

„Für 20 Forint kannst du mich nicht beachten“ - dieser Satz auf dem Schild eines Budapester Wohnungslosen bildete den Ausgangspunkt eines Projekts, das im Sommer 2012 in der ungarischen Hauptstadt gestartet wurde. Im als „öffentlich“ definierten, aber zunehmend privatisierten Stadtraum sind Verbote die neue Freiheit. Unsere Zeit ist von erhöhten Sicherheitsbestimmungen, wachsendem Misstrauen und verschärften Konfliktsituationen zwischen einzelnen Gesellschaftsgruppen sowie zunehmender Ausgrenzung bis hin zur Kriminalisierung von Randgruppen geprägt.  


Das offene Netzwerk Pneuma Szöv. und das deutsche Performancekollektiv Mobile Albania haben sich vorgenommen, die Straße und ihre brachliegenden Un-Orte als kommune Orte zu erkunden und dort mit Hilfe von Kunst neue Räume für eine lebendige, offene Gesellschaft zu erzeugen. In Anlehnung an Brecht/Weills Dreigroschenoper wurde das Konzept einer Straßenfantasie entwickelt, die in aufeinanderfolgenden Akten mit der aktuellen Budapester Straßensituation umgeht, diese künstlerisch bearbeitet, aber auch konkret transformiert.

In der Josefstadt, einem der heterogensten, aber auch mit den meisten sozialen Problemen und Spannungen belasteten Bezirken Budapests, wurde im Sommer 2012 auf einem ehemaligen Kindergarten-Spielplatz eine offene Kunstwerkstatt erschaffen, die 10 Wochen lang als Probeort einer offenen Gesellschaft funktionierte. Jeder konnte auf das Gelände kommen, alte Gegenstände, nützliches Wissen und Können, Vorstellungskraft und freie Zeit spendieren, teilen oder in eine neue Währung, den "Eichhörnchenforint", umtauschen. Unter Leitung der experimentellen Musikgruppe Bélaműhely wurden alte Tastaturen, Schubkarren und andere unbenutzte Gegenstände zu Musikinstrumenten wiederverwertet. Improvisationskonzerte fanden auf der Straße statt, wo Kinder aus der Nachbarschaft als Musiker oder Dirigent auftreten konnten. Pneuma Szöv. versammelte eine Filmcrew aus Akteuren, Kindern und Künstlern aus der Nachbarschaft, die wöchentlich Episoden einer Seifen-Operette schrieben, spielten, drehten, die jeden Freitag innerhalb eines Abendprogramms auf dem Grundstück gezeigt wurde.

Im Laufe des Sommers baute Mobile Albania auf dem Fundament eines alten recycelten Schiffes die dreieinhalb Meter große Figur des Eichhorns, das mobile Theaterbühne, Musikinstrument, gemeinsame Projektionsfläche, Hauptrolle, eine riesige Saftpresse und Aufbewahrungsort für erneuerbare Techniken in sich vereinte.
Das erste Bild der 20-Forint-Operette schloss mit einer großen theatralen Reise aller Beteiligten und vielen Zuschauern durch das ‚achte Budapester Weltmeer’, geführt von Mókus Maxi, ab und wird im Sommer 2013 mit dem nächsten Akt fortgesetzt.

Das Projekt wurde im Oktober 2012 auf dem Mit-Ost Festival im bulgarischen Ruse vorgestellt und wird sich dem nächsten Festival in Leipzig anschließen.


Die Zwanzig-Forint-Operette – Eine Budapester Straßenfantasie“ ist eines der drei Gewinnerprojekte des Wettbewerbs kultur-im-dialog.moe, der im Jahr 2012 zum 5. Mal gemeinsam von der Schering Stiftung und MitOst e.V. ausgelobt wurde. Mit dem Wettbewerb werden Kulturprojekte unterstützt, die die nachhaltigen Beziehungen zwischen Nachbarländern oder in Grenzregionen Ost-, Mittel- und Südosteuropas fördern.

Projektinfo


Zeit: 1. Juli–22. September 2012

Ort: Budapest, VIII. Bezirk (Josefstadt)

Team: Sarah Günther, Zsuzsa Berecz

Kontakt: info(at)pneumaszov.org

www.pneumaszov.org
www.mobilealbania.de