Musikalischer Grenzdialog

Das Projekt  „Musikalischer Grenzdialog“ versucht mit Hilfe der zeitgenössischen elektronischen klassischen Musik Jugendliche und junge Erwachsene aus der europäischen Grenzregion Duna/Dráva zwischen Pécs, Vukovár und Osijek für den gesellschaftlichen und künstlerischen Transformationsprozess der Gegenwart zu sensibilisieren.

Die Menschen in dieser Region befinden sich seit dem Zusammenbruch des Ost-Blocks in einer tiefen Identitätskrise. Das Spannungsfeld zwischen dem Festhalten an Traditionen und der Suche nach neuen Wegen, empfindet die Mehrheit nicht als Chance, sondern als Last. Dieser Zustand ist in der Region etwa am Erstarken rechtsextremer Parteien oder am Wegzug der Menschen im Alter zwischen 25 und 45 Jahren in die Zentren Mitteleuropas ablesbar. Die Weltwirtschaftskrise, welche Osteuropa ganz besonders hart getroffen hat, ist hierfür, wie man annehmen könnte, nicht die Ursache, sondern vielmehr Katalysator. Wir möchten mit auβergewöhnlichen zeitgenössischen Mitteln die Aufmerksamkeit der Zielgruppe binden.

Das Projekt besteht aus mehreren Teilen. Zunächst geht das Laptoporchester Endliche Automaten auf Kompositionsreise von Berlin über Pécs nach Osijek. In Pécs wird ein regionaler zeitgenössischer Komponist die Missa Choralis von Franz Liszt für das Laptoporchester überarbeiten und vertonen.

Ferner gibt es eine zehntägig öffentliche Orchesterprobe, welche dem Orchester einerseits die technische Möglichkeit einräumt, das bevorstehende Konzert in Osijek einzustudieren, und andererseits den künstlerischen Rahmen für die inhaltliche Auseinandersetzung sowohl mit dem Genre an sich bietet als auch die Plattform für den Workshop generiert, welcher der Frage nach der eigenen Identität der Teilnehmer aus der Region in einem Europa des 21. Jahrhunderts  nachgeht.

Den Abschluss des „Musikalischen Grenzdialogs“ bildet die Uraufführung der Überarbeitung in den Städtischen Galerien in Osijek. Auf diese Weise erschaffen die deutschen Künstler in Kooperation mit dem ungarischen Komponisten vor Ort ihre Tonkunst für ein kroatisches Publikum.

Mit diesem neuartigen Ansatz, die Orchesterproben in ihrer Endphase mit dem Workshop zu verbinden, möchten wir das Interesse der Jugendlichen und jungen Erwachsenen wecken, die sich ernsthaft und konzentriert mit den Problemen der Gegenwart auseinandersetzen wollen. Die zeitgenössische elektronische Musik bildet hierbei den Aufhänger. Liszt stellt bei diesem Projekt das integrative Moment dar, da es in dieser Region kaum Mitglieder der definierten Zielgruppe gibt, die sich als Ungar, Kroate oder aber als ein Mitglied der Minderheiten in Ungarn oder Kroatien nicht in irgendeiner Form mit der Person des Komponisten identifizieren. Mit der Transkription der Missa Choralis in eine Fassung für ein Laptoporchester durchläuft das Werk eine Transformation, eine Metamorphose: eine 150 Jahre alte Messe wird zu einem zeitgenössischen Musikstück und legitimiert so ihre Rolle in der Identität der Übereinstimmung, wodurch unser Nächster und dessen Anderssein sichtbar wird. 

Workshopleiter, Orchester und Komponist gestalten mit den freiwilligen Projektleitern die Inhalte, die sich mit Fragen der eigenen Identität beschäftigen werden. So etwa mit der eigenen Identität als junger Mensch in Vukovár, einer Stadt, die Anfang der neunziger Jahre innerhalb weniger Monate völlig zerstört und sich das bisherige friedliche Miteinander in ein hasserfülltes Gegeneinander wandelte.

Ziel des Projekts ist zum anderen die Vermittlung von Trendspitzen innerhalb der audiovisuellen Kunst in Mittel-, Süd- und Osteuropa. Gleichzeitig gilt es jedoch die tonkünstlerischen Tendenzen aus den jeweiligen Regionen über die Grenzen hinweg zu vermitteln. Produzenten, Vermittler und Empfänger werden in die Lage versetzt, sich mit dem jeweiligen Nachbarn auseinanderzusetzen. Sie werden sensibilisiert europäische Gemeinsamkeiten, aber auch Unterschiede zu erkennen. Auf diesem entscheidenden Moment beruht die Philosophie dieses Projekts. Dieses Modellprojekt verfolgt einen der Leitgedanken der Identitätsdiskussion in Europa: „living cultural unity and living cultural diversity”

Das Laptoporchester Endliche Automaten wurde 2003 geründet. Es ist das erste ausführende audiovisuelle Laptopensemble in Europa. Die Künstler benutzen Notebooks als Instrumente. Mittels zeitgenössischer Audio-Art interpretiert und dekonstruiert das Ensemble Werke verschiedener musikalischer Genres, z.B: Experimentelle Elektronische Musik, Elektroakustische Musik, Avantgarde / Neue Musik, Klassik und Moderne Klassik.

 

 

 

 

 

Projektinfo

Zeit:
Mai - Juli 2010

Ort: Vukovár/Osijek/Kroatien, Pécs/Ungarn 

Projektleitung: Christian Gracza

Projektteam: Bettina Lehmann, Lászlo Galantai

Kontakt: c.gracza@gmx.net

Partner: City Galleries Osijek, Akademie der Schönen Künste Osijek, Universität Pécs, Pécs2010, Pécs2010-OFF

Das Projekt „MUSIKALISCHER GRENZ-
DIALOG" ist Gewinner des Wettbewerbs kultur-im-dialog.moe 2010, – ein Programm der Schering Stiftung und des MitOst e.V., Berlin.

Projektdokumentation

Fotos