Berlin, Omsk, Jekaterinburg: Diskussionsrunden zum Thema »Heimat verpflichtet«

In unserem globalisierten Zeitalter, in dem die Mobilität der Menschen ständig zunimmt, wirft die Beschäftigung mit dem Thema Heimat neue Fragen auf:

Was bedeutet Heimat?
Hat jeder Mensch eine Heimat?
Kann man sogar mehrere haben?
Braucht überhaupt jeder eine Heimat?
Seine Heimat verlieren? Oder wieder finden?
Welche Arten von Verantwortung und Konflikten können damit verbunden sein?

Berichte

Am 21. März hat im Zentrum für Deutsch Omsk, Partner des Goethe Instituts Moskau, eine Diskussion zum Thema "Heimat" stattgefunden.
Heutzutage ist es für Leute, die in Globalisierungsbedingungen leben, sehr aktuell, die Bedeutung des Wortes "Heimat" zu verstehen.
Ist Heimat ein Land, oder eine Stadt, oder irgendein Ort, der für den Menschen große Bedeutung hat, oder was anderes? Kann ein Mensch zwei Heimaten haben? Wie können wir fühlen, dass wir jetzt in der Heimat sind? Ist für Leute aus verschiedenen Ländern das Heimatverstehen gleich? Diese und andere aktuelle Fragen haben die Teilnehmer besprochen.
An dieser Diskussion haben 13 junge Leute teilgenommen, dabei nicht nur russische, sondern auch Leute aus Polen, Deutschland und China. Besonders interessant war es für mich, ihre Verstehensweisen kennen zu lernen.
Die Veranstaltung dauerte mehr als 2 Stunden, dabei war es gar nicht genug für die Teilnehmer.
Vor der Diskussion waren mir alle Leute unbekannt. Aber danach fühlte ich, dass während der ehrlichen Besprechung wichtiger Probleme Leute einander richtig kennen lernen und verstehen können.


Stepan Popov, Teilnehmer


Mir ist während der Veranstaltung klar geworden, dass der Begriff "Heimat" unglaublich viele Gemeinsamkeiten für Leute verschiedener Nationalitäten und Kulturen eröffnet und dabei noch mehrere Gegenmeinungen und richtig umstrittene Fragen in sich hat.
Das hat sich zum Beispiel bei der Collagenpräsentation mit Schwerpunkt "Was ist für mich Heimat" gezeigt, wobei man vor dem Hintergrund der chinesischen Mauer, russischer Kirchen und des Berliner Fernsehturms immer wieder ein Haus und eine Familie sah. Sogar das polnische "RODZINA" (Familie) und das russische "RODINA" (Heimat) klingen ähnlich. Familie und Heimat müssen wirklich international unteilbar sein.
Dabei waren sich aber die Teilnehmer bei der Frage, ob man mehrere Heimaten haben kann, nicht mehr so einig. Die Meinungen variierten von "ja, klar" bis "auf keinen Fall" und ich habe dabei überzeugend argumentiert, dass ich allen Positionen gleichzeitig mehr oder weniger zustimmen würde. Patriotismus, Heimatliebe und Verantwortung für die eigene Heimat schienen auch umstrittene Schwerpunkte zu sein, umso besser. Hoffentlich war dann die Diskussion für die Teilnehmer nicht umsonst und sie haben ein paar spannende Anstöße zum weiteren Überlegen in ihrem Alltag erhalten.


Evgeniya Kabanova, Moderatorin


Zum letzten Teil des Projektes "Heimat verpflichtet", einer ebenfalls offenen Diskussionsrunde am 7. April 2008 in Berlin, war eine schwächere Resonanz zu verzeichnen. So fanden sich im "Kinski", dem Veranstaltungsort in Berlin-Neukölln, schließlich nur drei Teilnehmer ein.
Nach einer Art "Brainstorming" anhand verschiedener Zitate zum Thema Heimat, zu denen sich die Teilnehmer äußerten, zeigte sich schon bald Übereinstimmung darin, dass Heimat als "schillernder Begriff" sowohl Möglichkeit zur Identifikation bietet und damit eine eindeutig positive Konnotation führt als auch etwas heimattümelnden, verstaubten Beigeschmack haben kann, wenn man den Begriff im Zusammenhang mit Heimatfilmen, Heimatmusik u.ä. verbindet. Ein Teilnehmer ging sogar so weit, Heimat als Mittel der Abgrenzung zu anderen Kulturen zu sehen bzw. fürchtete, dass die Diskussion als solche zur Verstärkung mentaler Grenzen beitragen könnte. Besonders rege diskutiert wurde das Zitat "home is where my computer is". Einerseits wurde das Zitat als für heutige Zeiten passendster Sinnspruch gewählt, andererseits wurde auch deutlich, dass dieser Ausspruch nur in einem bestimmten kulturellen Kontext Geltung haben kann. Alle drei Teilnehmer waren sich einig darüber, dass sich der Begriff der Heimat im Laufe der letzten Jahrzehnte grundlegend gewandelt hat, da sich Menschen viel häufiger aus dem räumlichen Kontext ihrer Heimat fortbewegen und insoweit gezwungen sind, diese Heimat "in sich" mitzutragen und daher auch ganz anders zu leben. Ob die mobile Gesellschaft letztlich aufgrund dieser Konfrontation mit fremden Kulturen eine Verstärkung eigener Heimatgefühle mit sich bringt, wurde angerissen, letztlich aber nicht eindeutig beurteilt. Ob Heimat auch "verpflichte", da herrschte zunächst eine gewisse Ratlosigkeit unter den Teilnehmern. Einer von ihnen war der Ansicht, im Ausland als Deutscher sofort mit relativ klaren Assoziationen behaftet und daher "verpflichtet" zu sein, schlechten Assoziationen entgegenzuwirken, positive Annahmen jedoch zu bestärken. Ein anderer stimmte dem zu, sah diesen Vorgang jedoch nicht unbedingt als an den Heimatbegriff gekoppelt, sondern vielmehr als das ganz natürliche Bedürfnis, anderen Menschen die eigene Identität möglichst positiv zu vermitteln.


Thomas Hoffmann

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Info

Zeit: 12. März, 21. März und 07. April 2008

Ort: Omsk, Jekaterinburg und Berlin

Die Diskussionsrunden finden im Rahmen des Filmprojekts Zwischen Welten statt, welches vom MitOst-Verein gefördert wird. Deswegen werden sie auch auf Video dokumentiert.