Bildungsziel: Bürger. Politische Bildung in Ländern Mitteleuropas

Politische bildung in Zeiten gesellschaftlicher Transformation in Europa

Eröffnungsvortrag von Darius Polok, Programmleiter "Kulturmanager aus Mittel- und Osteuropa", Kreisau, 8. Februar 2008

Sehr geehrte Damen und Herren,

Lassen Sie mich meinen Vortrag mit einer kurzen Geschichte beginnen, die sich vor einigen Jahren in England so oder ähnlich zugetragen hat:

Ein kleiner Junge fragte seinen Vater: ?Wissen Väter immer mehr als ihre Söhne?? und der Vater antwortete ?Ja, natürlich?. Der Sohn fragte weiter: ?Pappi, wer hat den die Dampfmaschine erfunden??, und der Vater antwortete ?James Watt?. Darauf der Sohn: ?? aber warum hat sie denn dann nicht James Watts Vater erfunden??

Diese Konferenz stellt sich das Ziel, die bisherigen Methoden der politischen Bildung in Mittel- und Osteuropa zu beleuchten. Die Organisatoren stellen die Frage nach persönlichen Lernorten und auch nach unserer Motivation als Akteure der politischen Bildung.

Erlauben Sie mir, meine persönliche Motivation und auch die Geschichte eines Projektes zu skizzieren, das mich mit einigen Personen hier im Raum eng verbindet. Es ist ein Beispiel für die Entwicklung und die Rahmenbedingungen der internationalen politischen Bildungsarbeit in Mitteleuropa in den letzten 10 Jahren.

Der Ort, an dem für mich politische Bildung zum Experimentierfeld und zur Herausforderung wurde, ist die Jugendbegegnungsstätte in Kreisau. Vor über zehn Jahren fanden hier zum ersten Mal die Internationalen Kreisau-Seminare des MitOst e.V. statt. Sie sind der Nukleus für das drei Jahre später gegründete Theodor-Heuss-Kolleg der Robert Bosch Stiftung und des MitOst e.V.

Bildung als Persönlichkeitsbildung

Bis 1996 habe ich als Lektor der Robert Bosch Stiftung an einer Pädagogischen Hochschule in Polen exemplarisch und prägend erleben dürfen, wie Menschen in höheren Bildungseinrichtungen entmündigt werden. Gemeinsam mit einigen anderen ehemaligen Lektoren und MitOst-Mitgliedern war ich fasziniert von der Idee, dass Bildung tatsächlich etwas mit Persönlichkeitsbildung zu tun haben könnte - anders als wir es an den Hochschulen erlebten.

Versetzen Sie sich nun gemeinsam mit mir zurück in die Zeit Mitte der 90er Jahre des vergangenen Jahrhunderts.

Politische Situation in Europa

Acht Jahre nach der Messe in Kreisau (Kohl und Mazowiecki) ist die Situation in Europa immer noch von starken Gegensätzen geprägt. Insbesondere die Visapflicht, ökonomische Gegensätze und unterschiedliche Lerngewohnheiten bzw. ?stile erschweren den Kontakt zwischen jungen Erwachsenen in Deutschland (West) und den Ländern Mittel- und Osteuropas.

Polen ist damals ein Begegnungsraum zwischen Ost und West. Sowohl für EU-Bürger wie für Osteuropäer herrscht quasi Visafreiheit, zudem ist Polen für viele Osteuropäer ein erschwingliches Land. Man erlebt noch Spuren der sozialistischen Vergangenheit neben einer deutlichen Orientierung am westlichen Demokratiemodell und Lebensstil im Alltag.

Tendenzen in der internationalen Erwachsenenbildung und in der Stiftungsarbeit

Vorherrschend sind binational orientierte methodische Ansätze in der historischen und politischen Bildung (deutsch?polnisch etc.: siehe Kreisau / DPJW). Das Lernfeld ?Interkulturalität? befindet sich in der Entstehung.

Computer und Medien

Das Internet ermöglicht eine kostengünstige und schnelle Organisation von Seminaren und die Kommunikation zu den Teilnehmern. Die Erstellung von Zeitungen wird durch einfach zugängliche Computerprogramme machbar. Kontakt und Betreuung nach den Seminaren sind ohne einen Knotenpunkt, einen ?hub?, möglich.

Geisteswissenschaftliche Theoriebildung

Hier seien einige Stichworte genannt: Interkulturalitätsforschung (Ambiguitätstoleranz, das Dritte); Konstruktivismus (in der Philosophie, aber auch der Geschichtswissenschaft); Systemtheorie, Komplexitätsforschung und Chaostheorie; Handlungstheorien; Identitätsbildung: durch Integration im Erzählen und Handeln (Knopp); Kognitionswissenschaft, Lerntheorie: ?Lernen durch Krise? und ?Lernen durch Handeln?; Demokratie als prozessuales Wissen (später Wiederentdecken von Heuss` Demokratie als Lebensform)

Neue Methodik in der Erwachsenenbildung

Metaplan; Open space: die wirklich wichtigen Dinge werden in der Freizeit verhandelt ? Ziel von Seminaren: Raum für selbstbestimmtes Lernen; Projektmethode

Geburt der Projektmethode

Vor dem Hintergrund dieser Rahmenbedingungen lässt sich anhand der Kreisau-Seminare ein Prozess nachzeichnen, der beispielhaft für die Entwicklung der Konzepte und Methoden in der außerschulischen internationalen Erwachsenenbildung ist.

Wir begannen 1997 zunächst mit einer Schreibwerkstatt. Das Ziel war die Vermittlung einer spezifischen Kompetenz: hier des Schreibens oder noch allgemeiner der Kenntnisse der deutschen Sprache - verbunden mit einem Kennen lernen der anderen Teilnehmer aus insgesamt sieben Ländern. Dieser Prozess wurde an die Erstellung eines Produktes, eben einer Zeitung gebunden.

Im Jahr 1998 führten wir zum ersten Mal die Möglichkeit ein, innerhalb des Seminars ein Projekt zu entwickeln und es dann mit unserer Beratung und mit Mitteln der Robert Bosch Stiftung zu realisieren. Die Projektmethode war geboren. Wir entdeckten Methoden für ein handlungsorientiertes Lernen, so auch das Betzavta Buch, die wir entsprechend adaptierten. Wir arbeiteten nach dem open source Prinzip: Methoden wurden übernommen, in der Praxis erprobt, weiterentwickelt und allen zugänglich gemacht.

Vom Experten zum Moderator

Eine Werkstatt, in der das Basiswissen im Projektmanagement vermittelt und die Teilnehmer Ideen für Projekte im eigenen direkten Umfeld entwickeln konnten, wurde zu einem eigenständigen Teil aller Seminare.

Wir verbesserten und standarisierten unser Betreuungskonzept für die Projektleiter und -teams, um ihnen einen geschützten Rahmen für die Projektdurchführung zu bieten. Schnell war uns allen klar, dass die Seminare eigentlich nur ein Impuls sind und dass das wirklich Wichtige dann passiert, wenn wir die Teilnehmer einfach machen lassen. Die Rolle der Seminarleiter wandelte sich dementsprechend: Anfangs waren wir noch Experten, dann Trainer und später Moderatoren. In der Projektbegleitung waren wir Berater und Coach in einem. Die Teilnehmer wurden zu Experten für ihre Lebenssituation.

Wir ? die Seminarleiter in Kreisau Ende der 90er Jahre - haben diesen Wechsel der Rolle als eine große Herausforderung erlebt, die von permanenten Diskussionen begleitet wurde.

Theodor-Heuss-Kolleg: Seminarleiter aus MOE

Es wurde deutlich, dass für die Leitung von Seminaren dieser Art eine eigene Ausbildung notwendig ist. (Insbesondere Lehrer hatten große Probleme mit der Rolle des Moderators.) Ab dem ersten Seminar wurden die künftigen Seminarleiter aus dem Kreis der Teilnehmer rekrutiert. Heute verfügt das Theodor-Heuss-Kolleg über einen einmaligen Pool an Seminarleitern aus beinahe allen Ländern Mittel- und Osteuropas.

Die Idee, mit einem während des Seminars angestoßenen Projekt die Wirkung eines einwöchigen Seminars zu verlängern, lag in der Luft. Auch die Entdeckung, dass die selbst bestimmte Durchführung eines Projektes der Schlüssel zu der Vermittlung praktischer und sozialer Kompetenzen und zur Persönlichkeitsbildung sein kann, haben wir sicher nicht als erste gemacht. Wir haben hier in Kreisau einfach nur in einem rasanten Tempo eine Entwicklung nachgezeichnet, die für die gesamte internationale politische Bildungsarbeit in den 90er Jahren symptomatisch war:

Jugendbegegnung ? ein Zusammenkommen zu einem Thema oder auch nicht; Werkstatt - Vermittlung einer Kompetenz wie Schreiben, Fotografieren usw.; Simulation ? z.B. von parlamentarischen Entscheidungen oder von Konflikten in einer Gemeinde; Dilemmata in einer Simulation selbst erleben; Handlungsorientiertes Lernen: das gesamte Seminar wird zum Lernort; Projektmethode ? bei der die Teilnehmer selbstbestimmt und autonom handeln und zwar in Echtzeit und real. Das Projekt hat eine direkte Auswirkung im Umfeld und dadurch eine weit größere Relevanz als andere Methoden, die immer den Einsatz des erworbenen Wissens oder der neuen Kompetenzen auf ein Morgen verschieben.

Neue Paradigmen der Erwachsenenbildung

Wir hatten Glück: Die Kreisau-Seminare entstanden in einer Zeit der Entwicklung neuer Paradigmen in der Erwachsenenbildung. Diese Veränderung lässt sich an einigen Begriffen festmachen, die in den 90er Jahren neu entstanden und heute zum Kanon der politischen Bildung gehören: ?Handlungskompetenz?, ?Umgang mit der Pluralität der Meinungen und Werte? (Einheit in der Vielfalt), ?Partizipation? - die Beteiligung der Teilnehmer am Bildungsprozess und Ergebnis (Weißbuch der EU). Es brach die Zeit des Projektes als Methode an.

Die politische Bildung entdeckte die Bedürfnisse der Zielgruppe und nahm sie ernst. Es wurden Programme und Projekte entwickelt, die sich an der Komplexität der Gegenwart und an einer offenen Zukunft orientieren.

Permanente Veränderung und Pluralität

Man könnte nun meinen, die Phase des Umbruchs sei beendet und die nachfolgende Generation wächst wieder in einer Welt voller Selbstverständlichkeiten auf. So könnte man den status quo der politischen Bildung halten oder gar wieder zu den Methoden aus der klassischen Zeit zurückkehren. Also: Trichter auf und alles ist klar?

Dann würden wir die Tatsache unterschlagen, dass wir in einer Phase der permanenten Veränderung und der Pluralität innerhalb einer jeden Gemeinschaft leben. Die Methoden und die Erfahrungen, die in den letzten zehn Jahren in der internationalen Bildungsarbeit entwickelt wurden, sind deshalb eine wichtige Fundgruppe für die heutigen außerschulischen Bildungskonzepte.

Das Ziel der politischen Bildung ist nach wie vor der mündige Bürger (immer auch die mündige Bürgerin), der über das nötige Wissen verfügt, um an der res publika teilhaben und sie mitgestalten zu können. Nicht nur in Zeiten gesellschaftlicher Umbrüche, in Zeiten, in denen neue Institutionen entstehen und die alten nur dem Namen nach gleich bleiben, ist es unerlässlich, den Bürgern Informationen zu vermitteln, die sie in die Lage versetzen, die neuen ?Spielregeln? innerhalb des Gemeinwesens zu verstehen.

In Zeiten des Umbruchs reicht es aber nicht aus, das neue politische System mit den Rechten und Pflichten des Bürgers, den Gesetzen und den Programmen der politischen Parteien zu kennen. Um als mündiger Bürger Verantwortung in der Gesellschaft übernehmen zu können, gilt es eine neue Lebensform zu erlernen. Und dazu gehören neben reinem Faktenwissen eben auch neue Werte und Bewertungen ? also ein neues Weltbild - und auch neue Formen der Beteiligung und neue Lebensweisen im Alltag.

Handlungskompetenzen für die Rolle als Bürger

Der Bürger eines Landes, das sich in einem schnellen und radikalen gesellschaftlichen Umbuch befindet, wird bei einer Reihe von an sich vertrauten und bisher eindeutigen Handlungen feststellen müssen, dass diese nun etwas anderes bedeuten, anders bewertet werden oder sogar ganz anders auszuführen sind. Er verliert viele der alltäglichen Selbstverständlichkeiten. Er wird zum Fremden in seiner eigenen Heimat, die er nicht verlassen hat.

Viele einfache sprachliche Handlungen, wie das Fragen, das Äußern einer Meinung (auch auf die Gefahr hin, dass sie nicht mehrheitsfähig ist) und auch das Äußern von Kritik müssen neu gelernt werden. Wie schwierig sind dann erst kompliziertere Handlungen: das stringente Weiterspinnen der eigenen Biographie in einem veränderten gesellschaftlichen Rahmen. Jeder Bürger steht vor der schwierigen Aufgabe, die Geschichte der eigenen Person, sprich die eigene Identität zusammenhängend erzählen zu können.

Die Aufgabe der politischen Bildung in Zeiten des Umbruchs und auch heute sehe ich nicht oder zumindest nicht allein in der Vermittlung eines reinen Faktenwissens. Hier sehe ich die formale Bildung an Schulen und Universitäten in der Pflicht. Das, was diese an einen lebensfernen 45 Minuten Takt gebundenen Institutionen nicht können, vielleicht noch nicht können, ist die Vermittlung der für die souveräne Ausübung der Rolle des Bürgers notwendigen Handlungskompetenzen. Die Aufgabe der außerschulischen politischen Bildung sehe ich heute nach wie vor in der Vermittlung von Kompetenz und , die die Menschen befähigt, als aktiv gestaltende Subjekte Verantwortung für die Gesellschaft zu übernehmen.

Nicht Rezepte vermitteln, sondern das Kochen lehren

Ich komme zum Schluss meines Vortrags. Wir dürfen es uns nicht zu einfach machen: Es gibt auch heute keine fertigen rezeptartigen Antworten auf Fragen oder für Probleme, die erst morgen entstehen werden. Wir wissen nicht, mit welchen Problemen die kommende Generation konfrontiert sein wird. Deshalb ist so wichtig nicht Rezepte zu vermitteln, sondern das Kochen zu lehren.

Bereiten wir die Teilnehmer auf die Komplexität der Wirklichkeit vor, geben wir ihnen die Möglichkeit, die durch das Neue und Fremde, mit dem sie konfrontiert werden ausgelöste Irritation als Chance zu begreifen. Lehren wir sie ein Denken in ?sowohl-als-auch? statt in ?entweder-oder?. Lassen wir sie erfahren, dass Lernen (und hier meine ich das Erwerben von etwas Neuem) oft mit einer Krise verbunden ist und dass auch das Scheitern zum Lernen dazugehört.

Aber vor allem, vertrauen wir den Jugendlichen und jungen Erwachsenen, dass sie am besten wissen, was wirklich relevant für sie ist.

Denken Sie daran, es war James Watt und nicht sein Vater (der ihn allerdings in Mathematik unterrichtete) der vor 200 Jahren die Dampfmaschine erfand.