Günaj Rsajewa, Baku, Aserbaidschan
Die Biographie der 22 jährigen Günaj ist geprägt durch ein Leben in unterschiedlichen Ländern und Kulturen. Ihr momentaner Lebensmittelpunkt - einer von vielen Zwischenstopps auf ihrem persönlichen Weg zwischen dem Osten und dem Westen Europas, aber auch auf dem Weg zu ihren eigenen kulturellen Wurzeln - liegt in Berlin. Günajs Großvater ist ein aus Kashmir stammender Christ und floh vor dem 2. Weltkrieg nach Aserbaidschan. In der damaligen sowjetischen Republik heiratete er eine gebürtige Aserbaidschanerin. Günajs Eltern zogen ihrerseits zum Studieren weiter nach Moskau. Der Großteil von Günajs Familie lebt auch noch heute dort, nur sie zog es 2002 nach
Aserbaidschan. Hier studierte sie an der aserbaidschanischen Universität für Sprachen Dolmetschen und Übersetzung.
Malte Frye hatte die Möglichkeit sich mit Günaj über ihr bewegtes Leben, ihren Blick auf das „Eigene“ und das „Fremde“ und über gesellschaftspolitisches Engagement in Aserbaidschan zu unterhalten.
Wie kam es, dass Du zurück in das Herkunftsland deiner Großmutter gezogen bist? Von Moskau nach Baku, das ist ein großer Schritt.
Es ist diese Situation des wirtschaftlichen Umbruchs in Russland. Viele Leute hatten genug von der schlechten Situation im Land und waren auch auf der Suche nach Schuldigen. Naja, die Sündenböcke sind dann meist „die Ausländer“. Ich denke, je schlechter es einem Volk geht, desto schlechter geht es häufig leider auch den Migranten im Land. Ich selbst sehe nicht russisch aus und falle damit auch ein bisschen aus unserer Familie heraus. Selbst alte Freunde, die ich seid dem Kindergarten kannte, kamen auf einmal auf mich zu und fragten: „Was machst du hier in unserem Land? Geh nach Tschetschenien.“ Und plötzlich war mir klar, dass es hier keine wirkliche Zukunft für mich gibt. Ich bin auch ein Mensch, der Beleidigungen nicht einfach vergessen kann. Selbstverständlich sind nicht alle so und ich habe noch viele Freunde in meinem Heimatort Obninsk, doch irgendwie ist mir der Ort fremd geworden.
Meine Eltern wollten, dass ich zum Studium nach Moskau gehe und dort lebe, aber ich weiß noch genau wie der Entschluss in mir gereift ist, Russland zu verlassen und nach Baku zu gehen. Ich war zwar erst zwei-, dreimal zuvor in Aserbaidschan, aber ich dachte: „Jetzt oder nie“. Meine Eltern glaubten mir nicht, dass ich es machen werde, doch die Abiturfeier in Russland habe ich nicht mehr miterlebt. Diese Entscheidung war wie ein Befreiungsschlag für mich. In Baku spielte meine Herkunft keine Rolle mehr, denn ich sehe aus wie die anderen Menschen dort. Nur mein Dialekt fällt hier etwas auf.
Und was führte Dich dazu, Deutsch zu lernen?
Das ist eine etwas ungewöhnliche Geschichte (lacht). Bis zur achten Klasse hatte ich etwas Problem mit der Artikulation der Sprache. Besonders mit dem harten „R“ im Russischen. Eines Tages kam dann meine Klassenlehrerin auf meine Mutter zu und sagte, dass mir ein Umweg über die deutsche Phonetik helfen würde, meine Aussprache zu verbessern. In Deutschland war ich dann das erste Mal 2005 auf einem Sprachkurs des DAAD in Bamberg. Das war eine interessante und spaßige Zeit
Wie ist es, in Aserbaidschan als junger Mensch zu leben? Was unterscheidet das Lebensgefühl von dem in Berlin?
In Aserbaidschan ist es ein bisschen problematisch, für eine Person wie mich, die in Russland erzogen wurde. Junge Leute hier verbringen abends und an den Wochenenden mehr Zeit zu Hause. Die Familie spielt in Aserbaidschan noch eine sehr große Rolle und viele gehen nicht mal ebenso spontan auf eine Party. Ich sehe das nicht als negativ an. Es stört mich jedoch ein bisschen. Da es keine Nachfrage und keinen Bedarf gibt, gibt es auch einfach nicht so viele Angebote in einer Großstadt wie Baku. Aber langsam ändert sich das. Jetzt gibt es z.B. einen neuen Rockclub, der sich an den klassischen Hardrock Cafes orientiert. Dort gibt es regelmäßig gute Live-Musik. Alle berühmten aserbaidschanischen Gruppen treten dort auf. Aber allgemein ist es so, dass wenn ich in Baku irgendwo hingehe, weiß ich vorher nicht ob es etwas gibt und jemand dort ist. Und hier in Berlin ist das Leben natürlich ein bisschen freier und selbstbestimmter als in Baku.
Was sollte man als Besucher Aserbaidschans auf jeden Fall nicht machen?
(lacht) Als Frau sollte man auf jeden Fall nicht auf der Straße und in der Öffentlichkeit rauchen. Ich weiß nicht woher das kommt, aber es wird schlecht angesehen.
..und als Mann?
Als Mann würde ich keine kurzen Hosen tragen. Das sieht ein bisschen merkwürdig aus in Aserbaidschan. Es gibt viele andere Kleinigkeiten. Zum Beispiel ist es in Deutschland selbstverständlich Taschentücher in aller Öffentlichkeit zu benutzen. Meine aserbaidschanischen Freunde in Berlin waren total irritiert als selbst ein Professor mitten in einer Vorlesung laut seine Nase putzte. All dies wird in Aserbaidschan eher dem Animalischen zugerechnet, das der Mensch zu kontrollieren hat. In Aserbaidschan spielt die Kontrolle von Emotionen eine große Rolle. Leider spiegelt sich dies auch im politischen Handeln wieder. Kritik wird nicht direkt geäußert und stattdessen lieber geschwiegen. Und ich kam nach Berlin als die Bahn streikte. Diese Form des offenen Protest wird man in Aserbaidschan selten finden.
Und Deine Heimat ist in…
Das ist das Problem. Ich weiß nicht wo. Ich habe zwei „zu Hause“. Meine Familie ist in Obninsk, meine Freunde und auch meine alten Nachbarn. Aber ich fühle mich wohl in Baku. Ich fühle mich dort zu Hause. Hier kann ich auch politisch und gesellschaftlich aktiv werden. Ich kann helfen, weil ich in Russland selbst schon sehr viel gesehen und erlebt habe. Ich kann Vorschläge mache über die viele noch nicht nachgedacht haben.
Welche Bedeutung nimmt politisches Denken denn im Leben junger Aserbaidschaner ein?
Das ist auf jeden Fall nicht so stark wie in Deutschland. Es wird jedoch auch unterdrückt, weil die politische Opposition nicht so stark ist. Von der Regierung wird viel Macht und Kontrolle auf das politische Leben ausgeübt. Es werden Ängste von der Regierung geschürt, sich der Opposition anzuschließen. Unsere Studentenvereinigung an der Universität von Baku zieht ebenfalls viele kritische Blicke auf sich. Sie sehen, dass wir Macht haben und Studenten mit ihren Interessen um uns versammeln.
Gibt es Bereiche, in denen Du nach Deiner Rückkehr gerne aktiv werden möchtest?
Mir liegt die Entwicklung von demokratischem Denken sehr am Herzen. Ich habe hier in Deutschland an vielen Seminaren teilgenommen und gesehen, was es bedeutet frei zu denken. Zudem muss an einer friedlichen Konfliktlösung zwischen Armeniern und Aserbaidschanern in Bergkarabach gearbeitet werden. Sie selbst sind keine Feinde, ich kann das aus eigener Erfahrung sagen. Es sind politische und wirtschaftliche Interessen, die diesen Konflikt bestimmen. Momentan rückt die Gefahr eines Krieges jedoch wieder näher. Die Ausgaben für das Militär steigen zunehmend und auch im Fernsehen gibt es Propagandaschlachten. Ich würde auf jeden Fall alles tun, um den Krieg zu verhindern. Wir brauchen keine neuen Opfer. Allerdings gibt es keine organisierte Anti-Kriegs-Bewegung und ich überlege was und wie ich etwas machen könnte. Manchmal sind es vielleicht auch nur kleine Schritte, die zu etwas Großem führen. Im Rahmen von MitOst habe ich beispielsweise vor, ein Begegnungsprojekt aufzubauen. Junge Aserbaidschaner und Armenier sollen ein Forum erhalten, in dem sie sich friedlich austauschen können und lernen selbstkritischer über den Konflikt zu denken. Dazu gehört es auch, sich in die Position des Anderen hineinzuversetzen und die eigene Meinung zu überprüfen. Das zeichnet für mich demokratisches Denken und Handeln aus.
Und was fasziniert Dich an Aserbaidschan? Was sind für Dich die schönsten Orte und Plätze?
Ich muss natürlich sagen, dass ich einen eigenen Blick auf das Land und die Orte Aserbaidschans gewonnen habe und bestimmt eine andere Meinung besitze als ein typischer gebürtiger Aserbaidschaner. Was wirklich besonders an diesem Land ist: von neun möglichen Klimazonen vereint es sieben in sich. Arktische Verhältnisse haben wir natürlich nicht (lacht). Es gibt Wüsten, Steppen, Wälder und Seen. Und natürlich viele Berge und auch Wasserfälle. Wenn man durch Aserbaidschan reist, ist es, als wenn man die ganze Welt durchreist - man kann halt alle diese Zonen erleben. Die südlichen Gebiete des Landes um Lenkoran sind besonders schön. Dort lebt auch die Minderheit der Talischen. Die Natur ist sehr grün und schön dort. Einem deutschen Besucher würde ich auch empfehlen die alten deutschen Dörfer wie Khanlar (Helendorf) zu besuchen. Auch wenn dort seit der Deportation der Deutschen durch Stalin nur noch aserbaidschanische Familien leben, sehen die Dörfer noch so aus wie vor hundert Jahren. Alte Kirchen, Friedhöfe, schwäbische Sprüche an den Gebäuden und eine für Aserbaidschan ungewöhnliche Architektur findet man dort.
In Baku sieht man hingegen Tradition und Moderne ganz dicht beieinander. Es ist sehr schön im alten Teil der Stadt zu spazieren, der typisch orientalisch ist, mit vielen engen Gassen und Winkeln. Wer will kann hier Teppiche oder andere Kunstobjekte kaufen. Aber Baku ist natürlich auch sehr modern. Abends trifft sich die Bevölkerung meist auf der Promenade, die eine der längsten der Welt sein soll. Hier gibt es viele Cafes und viel zu unternehmen. Zuletzt kann ich das „grüne Theater“ in Baku empfehlen. Es wurde erst vor kurzem wiedereröffnet und befindet sich im Freien zwischen den Bergen, umgeben von vielen Bäumen.
Ich danke Dir für das Gespräch, Günaj.
Vielen Dank an Dich.
Weitere Einblicke in die Kultur und Gesellschaft Aserbaidschans findet Ihr im aktuellen MitOst-Rätsel (mehr)!