Fatbardh war THK-Kollegiat im Jahrgang 2005/2006 und macht von Januar bis Mai 2008 eine Hospitation in der Programmkoordination des Theodor-Heuss-Kollegs der Robert Bosch Stiftung und des MitOst e.V. Im Büro des THK ist er u. a. für die administrative Unterstützung des Auswahlverfahrens der neuen Kollegiaten für die Sommerseminare 2008 zuständig und unterstützt die Seminarleiter bei der Vorbereitung. Er ist studierter Germanist und widmet seine Freizeit dem Aikido und Taekwando. Ferner steht Fatbardh in einer langen Familientradition der Kaligraphiekunst, in der er einen eigenen Stil entwickelt hat.
Malte Frye sprach mit Fatbardh über seine Erfahrungen beim THK, seine Zeit in Deutschland und seine Heimat Albanien.
Du bist seit Anfang des Jahres in Berlin. Was fasziniert dich am meisten an dieser Stadt?
Berlin ist für mich die Stadt der Möglichkeiten. Es ist die Zieladresse für viele Studenten und Menschen aus der ganzen Welt. Ich selbst habe hier viele alte Freunde wieder getroffen. Die Stadt ist eine Schnittstelle. Es gibt viel Kultur. Ich denke die Welt kommt nach Berlin, auch wenn es nur ein kurzer Aufenthalt sein sollte. Aber dennoch hängt mein Herz eher an Hamburg. Die Stadt ist sauberer und nicht so hektisch. Am Alsterufer oder am Hafen kann man sich so richtig entspannen und wohl fühlen. Ich bin in Hamburg verliebt, aber meine Heimat ist letztendlich doch Albanien.
Was wirst Du vermissen, wenn Du im Juni wieder nach Albanien gehst? Und was vermisst Du in Deutschland, wenn Du an Albanien denkst?
Die Beziehungen zwischen den Menschen sind vollkommen anders in Albanien als in Deutschland. Die deutsche Mentalität ist weniger emotional und nicht so verbindlich. Mich hat gewundert zu sehen, dass viele Menschen hier nur ein bis zwei richtig gute und wirklich enge Freundschaften haben. In Albanien habe ich sehr viele Freunde, die alle viel füreinander getan haben und viel zusammen erlebt haben. Ich kann ohne viele gute Freundschaften nicht leben.
In Deutschland ist alles so gut organisiert. Wenn ich um 10.00 Uhr einen Termin bei einer Institution habe, weiß ich, dass meine Bahn pünktlich um 09.03 Uhr ankommt und ich dann um 09.35 Uhr in den Bus umsteigen kann, um exakt um 09.55 Uhr am Treffpunkt anzukommen. In Albanien verliere ich viel Zeit. Ich habe etwa einen Termin um 11.00 Uhr, aber die Person ist einfach nicht da. Man schickt mich in die Cafeteria, wo er sein soll und auch da ist er nicht und so weiter. Die Verlässlichkeit und die guten Strukturen beeindrucken mich hier. In der albanischen Botschaft hängt ein Plakat auf dem steht: „Deutschland: Land der Ideen“. Ich denke Deutschland ist das Land der Ideen und der Möglichkeiten.
Wie hast Du vom THK und der Arbeit von MitOst erfahren?
Als ich noch in Hamburg studiert habe und mein damaliges Stipendium auslief, habe ich nach neuen Möglichkeiten für mich gesucht. Praktika, Seminare und Stipendien, die Bezug zur deutschen Sprache haben oder mir die Möglichkeit boten, ein weiteres Auslandssemester in Deutschland zu verbringen. Der gute Zufall wollte es, dass ich einen Tag vor Ablauf der Bewerbungsfrist für die Sommerseminare 2005 in Wien auf das THK aufmerksam geworden bin. Das mit der Bewerbung musste dann alles recht schnell gehen. Auf den Sommerseminaren wuchs dann auch mein Interesse an der Arbeit vom THK. Ich wollte selbst erleben, wie die Vorbereitung der Seminare verläuft. Aber ehrlich, ich hätte mir damals nicht vorstellen können wie viel Arbeit hinter den Veranstaltungen steht.
Was nimmst Du aus Deutschland mit nach Albanien und mit welchen Gefühlen gehst Du zurück?
Die Erfahrungen die ich hier gemacht habe, werden ein Teil von mir sein. Sie sind in mir verkörpert – egal wo ich bin, es wird in mir sein. Alles was ich in Albanien machen werde, wird durch diese Zeit beeinflusst sein. Selbst wenn es nur ein Job als Handwerker sein sollte, auch dort kann ich meine Erfahrungen umsetzen. Ich habe neue Kompetenzen gewonnen und viel mehr Selbstsicherheit in meinem Auftreten als früher. Die Zeit, die ich in Hamburg als Student verbracht habe, war eine andere – eine studentische halt. Berlin verlasse ich als jemand mit professionellen Erfahrungen und konkreten Vorstellungen vom Leben und der Arbeitswelt. Ich bin sehr gereift in dieser Zeit. Ich freue mich auf Albanien, auf meine Familie und Freunde und die Möglichkeit meine Erfahrungen hier einzusetzen. Das fängt schon bei ganz kleinen Dingen an, etwa beim professionellen Telefonieren, aber auch dem Bearbeiten von Abrechnungen und der Projektvorbereitung.
Was sind Deine persönlichen Zukunftswünsche?
Ich habe früher immer gesagt, dass ich Lehrer werden will. Das ist in unserer Familie eine lange Tradition. Ich denke mittlerweile jedoch, dass es Zeitverschwendung wäre in Albanien als Lehrer zu arbeiten. Der Beruf ist zu schlecht bezahlt. Ich kann mehr erfahren und verdienen, auch wenn die Möglichkeiten in unserem Land begrenzt sind. Ich habe vor längerer Zeit mal mit einem BWL-Studium angefangen und denke, dass ich dieses fortsetzen werde. Ich glaube, dass wäre eine Chance für mich. BWL und Germanistik haben zwar auf dem ersten Blick nur wenig miteinander zu tun, aber ich werde versuchen es zu verbinden. Natürlich würde ich gerne nach Deutschland zurück, wenn auch nur für eine Zeit und nicht für immer. Es ist auch schwer meine Familie zurückzulassen. Ein Promotionsstipendium zu bekommen leider auch. Dennoch blicke ich positiver als früher in die Zukunft.
Wenn Du an die Entwicklungen in Albanien im Bereich der Zivilgesellschaft denkst - wäre eine Institution wie das THK oder MitOst in Albanien denkbar und möglich?
Dazu muss ich sagen, dass Albanien ein sehr armes Land ist und genau deshalb einen großen Bedarf an Zivilgesellschaft und ehrenamtlichen Engagement hat. Für viele Menschen ist es jedoch unmöglich sich ehrenamtlich zu engagieren, da sie ganz einfach die Zeit nutzen müssen, um Geld zu verdienen. Es gibt zwar auch in Albanien viele NGOs, aber die meisten funktionieren meist nicht richtig. Sie arbeiten nicht effektiv, und wenn es Gelder gibt, scheinen sie im Sand zu verschwinden. Ich denke, das Interesse von den jungen Leuten ist da, etwas zu machen, aber es gibt zu wenig finanzielle Unterstützung. Es gibt keine Stiftungen wie hier in Deutschland und das meiste Geld kommt nach wie vor aus dem Ausland. Ich wäre der erste der so etwas wie das THK in Albanien aufbaut, wenn ich die nötige finanzielle Unterstützung bekommen würde.
Welche Reisetipps kannst Du Leuten geben, die Albanien besuchen möchten?
Schwierige Frage. Albanien hat so unterschiedliche Regionen, die man alle besuchen sollte, um ein Bild des Landes zu bekommen. Shkodra ist eine Stadt, die vielleicht alles bietet. Junge Leute treffen sich besonders auf der Piazza zum Flanieren. Meine Lieblingsbar in Shkodra ist die „Skutori“. Ein Raum ist hier völlig verglast, so dass man das Geschehen auf der Straße gut beobachten kann. Der andere Raum ist hingegen völlig abgeschlossen und komplett in rot gehalten. Sehr romantisch und sehr gemütlich.
Shkodra hat auch viele Moscheen und orthodoxe und katholische Gotteshäuser. Das ist schon besonders. In und um Shkodra gibt es zudem viele Berge, Seen und Flüsse und letztendlich das Meer. Der Süden des Landes ist auch sehr schön. Besonders die Steilküste dort ist großartig. Mittlerweile denke ich jedoch, dass ich mehr über Deutschland sagen kann als über Albanien selbst.
Ich danke Dir für das Gespräch, Fatbardh.
Vielen Dank an Dich.