Der kleine Alexandar, der aus Višegrad kommt, nennt sich der „Fähigkeitenzauberer“. Er wurde nämlich mit einer außergewöhnlichen Gabe beschenkt – er kann die Welt schöner sehen. Diese Gabe hilft ihm den Bosnienkrieg und die Leute mit Abstand zu betrachten, die Ereignisse mit viel Humor und Ironie wahrzunehmen, ohne dabei den Respekt zu verlieren. Saša Stanišić entwirft in seinem Debütroman „Wie der Soldat das Grammofon repariert“, für den er den Publikumspreis beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb 2005 erhielt, eine Figur, die mit viel Fantasie und kindlicher Intuition Geschichten erzählt.
Alles fängt mit dem Tod von Opa Slavko an, der in demselben Moment stirbt, in dem Carl Lewis den Weltrekord mit 9,86 Sekunden im Hundertmeterlauf bricht. So lange braucht ein Herzstillstand. Trotz seines Zauberstabs gelingt es Alexandar nicht, den Opa in das Leben zurückzuzaubern. Er bleibt aber in seinem Herzen und ist ab diesem Moment ein „unendlicher Opa“ und sein ewiger Begleiter. Ihm hat Alexandar das Versprechen gegeben, nie aufzuhören zu erzählen. Denn „eine gute Geschichte ist wie unsere Drina: nie stilles Rinnsal, sie sickert nicht, sie ist ungestüm und breit, Zuflüsse kommen hinzu, reichern sie an...“.
Alexandars Geschichten handeln von seiner Familie; von der Mutter, die in der kommunistischen Partei tätig ist, dem Vater, den Großeltern, der Tante Taifun und von Freunden, die mit ihm die Schule besuchen. Auch die anderen Bewohner der Stadt, die eigene Geschichten haben, gehören dazu. Alles ist fast idyllisch: Alexandar geht regelmäßig angeln und gewinnt sogar einen Wettbewerb. Der Fluss Drina ist sein bester Freund, bei dem er Zuflucht findet und mit dem er ständig redet.
Und plötzlich kommt der Krieg. Alexandar muss mit der Familie nach Deutschland fliehen. Nur für kurze Zeit, angeblich. Bis der Krieg zu Ende ist. Doch sie kehren nie wieder zurück. Nur Alexandar, der nach zehn Jahren alte Freunde besuchen will. Vor allem will er aber seine Sehnsucht nach der ersten Liebe Asija auslöschen.
Saša Stanišić thematisiert in seinen Geschichten Fragen wie Tod, Krieg und Moral. Die Würde und die Zärtlichkeit, mit der er diese Themen beschreibt, machen das Besondere dieses Buches aus. Stanišićs Gedanken sind oft wie Gedichte, die man nicht so leicht vergisst. Er schreibt über Tragik, mit Distanz und Leichtigkeit, und verbindet sie mit Komik, die vor allem durch eine derbe Sprache charakterisiert ist. Das Komische gehört wohl zur Mentalität seines Volkes: Man liest über ein Einweihungsfest für das Innenklo, über Tampons von Tante Taifun, über betrogene Ehemänner, die sich für den Betrug rächen, in einer Art und Weise, die diesen Leuten eigen ist.
Das Buch charakterisieren wenige Dialoge, dafür aber sehr viele Geschichten, die zu einer Art Mosaik verbunden werden. Der Autor schildert die Zwecklosigkeit und die Folgen des Krieges, unterschiedliche Mentalitäten und Denkweisen. Kindliche, naive, märchenhafte Fantasie vermischt sich mit der groben Sprache des Alltags. Später wechselt sie zu der ernsten Sprache eines Erwachsenen. Die Geschichte von Alexandar ist eine gute Geschichte. Der Leser bekommt nicht nur die Kraft des Erzählens, sondern auch die Kraft der Vertrautheit zu spüren.
von Jana Pellová