A k t I ( u n d l e t z t e r)
(Grenze. Die Zeit ist geblieben. Galina schreibt einen Brief in Form einer Postkarte…)
… mal schickt man Postkarten aus der Wärme der südlichen Länder, mal wollen die Grüße aus einer Bar im Westen ausgerichtet werden. Die Motive auf den Postkarten werden sehr sorgfältig ausgewählt, um die Atmosphäre des Landes, seine Topographie und Kultur so präzise wie möglich vermitteln zu können. wenige Augenblicke davor ….
L i e b e r T h o m a s,
diese Postkarte, die du jetzt in deinen Händen hältst, hat gar nichts Typisches an sich. Sie repräsentiert ein Land, das sich nicht durch Himmelsrichtungen definieren lässt. Das Einzige, was man an dieser Postkarte abliest, ist die ewige Zweisamkeit des Landes, das man GRENZE nennt. Eine Landkarte kann auch nicht viel davon verraten. Alles ist verborgen, nur die Konturen lassen sich darauf ganz graziös spielen, in Form einer Linie, mal krumm, mal ganz deutlich, mal hört sie auf und ganz unerwartet fängt sie weiter an zu spielen. Das ist die Grenze – ein Zentrum, eine Metropole, wo alle wichtigen Erfahrungen gesammelt werden und gleichzeitig eine Provinz, eine Peripherie, die immer vernachlässigt wird.
Grenze ist kein Land, das man leicht typisieren kann, und das hat einen einfachen Grund: es handelt sich hier um einmalige Grenzerfahrungen, die immer mit persönlicher Existenz aufgeladen sind.
Die Antwort auf die Frage ob es Leben auf dem Mond gibt, scheitert an Beweisen. Niemand aber wird an einem Leben auf der Grenze zweifeln. Hundert tausende von Anträgen, die einen Reiseführer ausmachen könnten, tragen dazu bei, dieses untypische, einzigartige Land durch folgende Facetten der persönlichen Erfahrungen an der Grenze, durch einen verwelkten Haufen Erinnerungen zu bestimmen:
Angst, Visum, Kontrolle, Einsamkeit, Mauer, Dekonstruktion, Fremdheit, Chancen, Unsicherheit, Trennlinie, Brücke, Herausforderung, Verbindung, Leere, Kluft, Schwelle, Schranke, Verbot, Nichts, Abgrund, Perspektive, Differenz, Stereotype, Vorschriften, Erfahrung, Adrenalin, Countdown, Tabuisierung, Wechsel, Schlussstrich, Behinderung, Schmerz, Flucht, Neuanfang, Barrierefreiheit …
Laut Reiseführer, der noch nicht zusammengestellt ist, konzentriert sich das Grenz-Leben auf wenigen Epizentren, die im Volksmund Grenzübergänge genannt werden. In solchen Grenzstätten werden folgende ethnische Gemeinschaften unterschieden: Stammbevölkerung der Grenze, Schmuggler, Touristen, und richtige Grenzverletzer, die manchmal als Gäste empfangen werden. Die Grenzeinwohner werden hier zu einer Minderheit gezählt. Man bewundert manchmal wie sie ihr Privatleben mit ihrer Arbeit an der Grenze so gut kombinieren können. Das wichtigste, das ihre Arbeit ausmacht, ist die strikte Einhaltung der Gesetze und Vorschriften, dass kein Feind die äußeren sowie inneren Konturen ihres Landes verletzt. Wie man an einer Person, die zwei Augen, eine Nase, einen Mund hat, erkennt und auch differenziert, ob sie ein Tourist oder ein tückischer Grenzverletzer ist, verläuft sehr einfach. Durch eine spezielle Grenz-Brille, die Grenzeinwohner immer anhaben, wird eine Grenze zwischen ethnischen Gemeinschaften gezogen.