Kuprijanow bescherte Zürich zweierlei Premieren: Erstens war er das erste «Projekt» des MitOst-Vereins, das in Zürich stattfand, und zweitens wurde mit ihm in Zürich ein Ort eröffnet, an dem nun regelmäßig Veranstaltungen zur russischen Kultur stattfinden sollten.
Wir hätten uns keinen Besseren als den originellen Berufsliteraten und -übersetzer aus Moskau dafür wünschen können. Als er im Zürcher Bahnhof aus dem Zug stieg, erkannte ich ihn leicht - das einzige Foto, was ich von ihm gesehen hatte, war zwar nicht mehr ganz frisch und noch weniger hilfreich. Es konnte aber nur der schwer an zwei Leinensäcken voller Bücher schleppende Mann mit den grau wallenden Haaren sein.
Der Kontakt zu Arina Kowner, in deren «KulturAtelier» die Lesung mit Kuprijanow stattfinden sollte, ist durch das Literaturhaus Zürich zustande gekommen. Seit ihrer Pensionierung wollte sie sich verstärkt um die Vermittlung russischer Kultur in Zürich kümmern. Als die Anfrage von MitOst kam, verkuppelte das Literaturhaus uns beide Interessenten kurzerhand. So wurde die Lesung von Kuprijanow eine Produktion dreier Veranstalter.
Um zum KulturAtelier von Arina Kowner zu gelangen, wo die Lesung mit Kuprijanow stattfinden sollte, muss man sich durch Zürichs mittelalterliche Gassen schlängeln. Im schmalen Altstadt-Haus nimmt man den Lift. Wenn man im fünften Stock vor dem Atelier aussteigt, wird man vom Blick auf die ineinandergeschachtelten Dächer empfangen. Das Kulturatelier ist ein lichtdurchfluteter Raum mit einer kleinen Bühne - ein Ort, der die Eintretenden erst einmal überwältigt.
Unmittelbar vor der Veranstaltung waren alle recht nervös: Würden auch genügend Leute zu diesem neuen Ort kommen? Nur Kuprijanow blieb äußerst gelassen, hatte er doch schon zahlreiche Lesereisen hinter sich. Und auch den Draht zum Musiker, der zwischen seinen Gedichten improvisieren würde, schien er gefunden zu haben. Wider alles Erwarten kamen gut achtzig Leute, die nur mit Mühe platziert werden konnten; zum Glück gab es noch ein paar Terrassenstühle.
Er hatte auch hier das Publikum schnell in seinen Bann gezogen. Die musikalischen Kontrapunkte auf dem Cello, gespielt von Alfred Zimmerlin, verliehen der Veranstaltung genau den nötigen Spielraum zum Reflektieren.
Dem Publikum hatte es offensichtlich sehr gefallen. Es war hinterher noch zu einem russischen Buffet auf der angrenzenden Dachterrasse eingeladen. Bei russischem Dipp und französischem Wein ließ es sich offenbar gut plaudern: Die Leute blieben bis nach Mitternacht. Kuprijanow hatte im Nu seine mitgebrachten Bücher verkauft und war stets von fragenden Leuten umringt.
Vor Beginn der Veranstaltung hatte ich den MitOst-Verein vorgestellt, so dass hinterher mehrere Leute Genaueres wissen wollten, sich für das Magazin interessierten, das auch längst vergriffen war, oder einfach sagen wollten, dass sie ihnen die Veranstaltung sehr gut gefallen hatte.
Seither haben zwei weitere Veranstaltungen unter dem Oberthema «Okno - Fenster zur russischen Kultur» stattgefunden. Die Reihe kommt an. Mit Mitteln aus dem Soforthilfepool gibt es am 6. Oktober und am 8. Dezember weitere Veranstaltungen zusammen mit MitOst.