Grenzorte - Grenzreisen.Eine trinationale Jugendbegegnung mit Kultur und Geschichte in Grenzregionen27. April 03 bis 4. Mai 03 Das ProjektJugendliche aus drei Ländern (Deutschland, Polen, Ukraine) machten sich innerhalb einer einwöchigen Jugendbegegnung die Alltäglichkeit von Grenzen bewusst. Dabei wurden sichtbare Grenzen unsichtbaren gegenübergestellt und innerhalb der Projektwoche alle Länder der Teilnehmer bereist, um zu erleben und zu erfahren, wie das Leben und der Alltag der Teilnehmer in dem jeweiligen Land hinter der Grenze aussieht. Die teilnehmenden Jugendlichen setzten sich an den verschiedenen Orten (Poltawa, Lwiw, Krakau und Berlin) auf sehr vielseitige Art und Weise mit dem Thema Grenze auseinander. So wurden neben Diskussionen verschiedene kreative Workshops durchgeführt, in denen die Jugendlichen intensiv zusammenarbeiteten und gemeinsame Ideen entwickelten. Ablauf des ProjektsIn Workshops und Diskussionen erarbeiteten die Jugendlichen folgende Aspekte des Themas:
In Lwiw (27.4.- 30.5.03) und Krakau (30.5.-2.5.03) fand die erste Phase des Austauschs und der Begegnung statt. Dort wurden zusammen markante Plätze, Bauwerke und Flüsse erwandert, in verschiedenen Workshops gearbeitet und diskutiert. In Krakau boten die polnische Regisseurin Magda Ostrokulska und die Pädagogin Charlotte Stolz einen Theaterworkshop an, der Grenzen körperlich spürbar werden ließ. Ort dieses Workshops war das Theater "Laznia", das früher ein altes jüdisches Ritualbad war und nun als Kulturzentrum fungiert. Es liegt im Krakauer Stadtteil Kazimierz, der durch zahlreiche politische, historische und religiöse Grenzziehungen geprägt ist. Die Ergebnisse der Workshops und Diskussionen in Lwiw und Krakau wurden schließlich in einer Jugendkonferenz zusammengeführt, die im Gerhart-Hauptmann-Haus in Agnetendorf stattfand. Die letzte Etappe der Grenzreise fand vom 2.-4. Mai 2003 im Gerhart-Hauptmann-Haus in Jelenia Góra im Dreiländereck Polen-Tschechien-Deutschland statt. Eine weitere Grenzerfahrung sollte hier möglich gemacht werden: die deutsch-polnische Grenzsituation. Zudem sollten im Gerhart-Hauptmann-Haus die bisher erarbeiteten Ergebnisse vorgestellt werden. Letzteres Ziel ließ sich aus Zeitgründen nur schwer verwirklichen. Zudem zeigte sich, dass sich im Verlauf der Reise ein großes Diskussionsbedürfnis angestaut hatte, so dass es ratsamer schien, im Gerhart-Hauptmann-Haus ein Forum für Gespräche zu bieten. Da es den Teilnehmern wichtig war, insbesondere das Verhältnis von Deutschen, Polen und Ukrainern zu diskutieren, wurden zudem zwei Dokumentarfilme gezeigt (einer davon optional), um anhand der Filme insbesondere die aus der Vertreibungssituation resultierenden Vorurteile der Völker aufzuarbeiten. 1.1. Buchvorstellung und Vortrag von Marek ZyburaDen Auftakt der Tage im Gerhart-Hauptmann-Haus bildete der Vortrag des Germanisten Marek Zybura, der sein vieldiskutiertes Buch "Deutsche in Polen" vorstellte. Mit seinen Ausführungen zur deutsch-polnischen Kulturgeschichte wurde die Gruppe in die Problematik der deutsch-polnischen Beziehungen eingeführt. Im Zentrum seines Vortrags stand die Entwicklung vom Vielvölkerstaat hin zur problematischen Beziehung der Nachbarstaaten in Folge des zweiten Weltkrieges. Insbesondere anhand von Oberschlesien versuchte er die Problematik des "schwebenden Volkstums" als einem interkulturellem Phänomen zu verdeutlichen. Sein Vortrag zeichnete sich insbesondere dadurch aus, dass er insbesondere die kulturellen Beziehungen der Völker vor dem Hintergrund der historischen Ereignisse darstellte. In der sich anschließenden Buchvorstellung wurden aus dem Kapitel "Im Vielvölkerstaat" insbesondere jene Passagen verlesen, die die aufkeimenden Vorurteile zwischen Deutschen und Polen veranschaulichten. 2.1. ArbeitsgruppenDa bereits mit dem Vortrag von Marek Zybura Stereotype und ihre Entwicklung thematisiert worden waren, bot es sich an, das deutsch-polnisch-ukrainische Verhältnis unter Fragestellungen der "Imageforschung" zu beleuchten. Nach einer kurzen Einführung bildeten die Studierenden Arbeitsgruppen, in denen die Selbst- und Fremdbilder der Nationen, aber auch der Regionen erarbeitet und diskutiert wurden. Im Plenum wurden die erarbeiteten Ergebnisse anhand von Schaubildern vorgeführt. Insbesondere wurde in der Diskussion die durch die Teilnahme im Projekt gemachten Erfahrungen angesprochen. Fast alle Teilnehmer hatten die Erfahrung gemacht, dass sie im trilateralen Diskurs Vorurteile zu relativieren und zu überwinden hatten. Die Diskussion zeigte, dass die Studierenden einen großen Gesprächsbedarf hatten, so dass beschlossen wurde, das Thema durch einen Film zu ergänzen, um im Anschluss weiterzudiskutieren. 2.2. Filmvorführung und DiskussionDem Plenum wurden zwei Filme zur Auswahl gestellt: "Auf der Suche nach der verlorenen Heimat" und "Schlesiens Wilder Westen". Aus Zeitgründen wurde beschlossen, den Fernsehdokumentarfilm "Auf der Suche nach der verlorenen Heimat" zu sehen. Dieser begleitet zum einen zwei in Breslau aufgewachsene Deutsche zusammen mit einer Enkelin beim Besuch ihrer früheren Heimatstadt. Zum anderen zeigt er die Grenzfahrt dreier Polen, auch hier ist wieder eine Vertreterin der jüngeren Generation dabei, in ihre alte Heimat Lemberg. In der anschließenden Diskussion wurde der Film sowohl inhaltlich als auch formal kritisiert. Einerseits stelle er relativ aufgeklärten Deutschen sehr emotional reagierende Polen gegenüber, was ein Missverhältnis herbeiführe. Zudem würden in dem Film historischen Falschaussagen und geäußerte Vorurteile nicht klargestellt. Insbesondere zeigte sich im Film, dass das deutsch-polnische Verhältnis nicht selten auf Kosten der Ukraine dargestellt werde. Dies zeigte sich auch im zweiten Film, der optional nach dem Grillabend im Garten des Gerhart-Hauptmann-Hauses stattfand. Auch hier wurde die polnische und die deutsche Vertreibungsproblematik parallelgeführt. Während im deutsch-polnischen Dialog die Wichtigkeit unbestritten sein soll, die Vertreibung der Polen aus den Ostgebieten zu thematisieren - erst in den letzten Jahren wird die Vertreibungssituation beider Seiten gleichermaßen thematisiert , so zeigte sich auch hier, dass geäußerte Vorurteile gegenüber den Ukrainern unkommentiert stehen blieben. Insofern zeigte auch die Diskussion beider Filme, dass es zukünftig wünschenswert wäre, wenn gerade das Thema der Vertreibung nicht nur biperspektivisch, sondern multiperspektivisch aufgearbeitet werden würde. 2.3. Ausflug nach Zgorzelec/GörlitzDas Projekt wurde durch eine Grenzfahrt in die geteilte Stadt Zgorzelec/ Görlitz beschlossen. Das hier geplante Grenzerlebnis wurde durch die Erfahrung potenziert, dass ein ukrainischer Teilnehmer, dessen gesamte Papiere im Zug entwendet worden waren - darunter auch sein Visum nicht mit auf die deutsche Seite gehen konnte. Die Besichtigung der Stadt begann unter professioneller Leitung des Kulturreferenten für Schlesien, Herrn Tobias Weger, im polnischen Teil der Stadt. Er referierte zunächst anhand von wichtigen Bauwerken, wie das Dom Kultury, über die historische Bedeutung von Zgorzelec. Im Anschluss an die Besichtung Zgorzelec überquerte die Gruppe zu Fuß die Grenzbrücke über die Neisse um nach Görlitz zu gelangen. Die Stadtführung, die insbesondere auch die kulturelle und historische Bedeutung der Stadt als einer Zentrale Mitteleuropas verdeutlichte, thematisierte zudem die derzeitige deutsch-polnische Grenzsituation. Dabei versuchte Herr Weger auch die Diskussion um die "Oder-Neiße-Linie" als einem wichtigen Faktor in den deutsch-polnischen Beziehungen hervorzuheben. Der Besuch im Schlesischen Museum verdeutlichte zudem das Problem, ob und wenn ja wie Grenzen im Museum thematisiert werden können. Zudem wurde hier der Frage nachgegangen, wie jetzige Kultureinrichtungen mit der Grenzsituation umgehen. Nicht zuletzt wurde die Frage diskutiert, inwiefern sich das Leben in der geteilten Stadt mit dem Beitritt zur EU verändern wird. 3. AusblickWährend der Tagung wurde beschlossen, nicht nur in Kontakt zu bleiben, sondern, sollte dies möglich sein, die Grenzreise nicht als abgeschlossenes Projekt anzusehen. Vielmehr solle versucht werden, in einem ähnlichen Projekt die Studierenden zu neuen Austauscherfahrungen zusammenzubringen. Auch wäre es wünschenswert, in ähnlichen Projekten weitere Studierende dreier Nationen zusammenzubringen. Auch wurde der Wunsch geäußert, das Projekt in geeigneter Weise zu dokumentieren. Das Gerhart-Hauptmann-Haus bot an, Berichte, Aufsätze und Bilder auf seiner Homepage zu veröffentlichen. Partnerinstitutionen in:Polen
Deutschland
Ukraine
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