Bericht Reise Sibirien 2003Mitgliederreise Sibirien1.-8. Juni 2003 1. Allgemeine Angaben Antragsteller: Heike Mall (Bosch-Lektorin, Irkutsk) Projektteam: Roger Just, Anja Hess (Bosch-Lektorin, Nowosibirsk) Teilnehmer: 16 MitOst-Mitglieder wurden aufgrund der bis Januar 2003 eingegangenen Begründungsschreiben ausgewählt. Auswahlkriterien waren geringe Vorkenntnisse über Russland , Interesse und Offenheit. Vertretene Länder: Deutschland (11), Tschechien ( 2), Estland (1), Polen/Deutschland (1) An zwei Workshops in Irkutsk nahmen außerdem 6 Russen verschiedener Alters- und Berufsgruppen teil. Leiter der Workshops: Leo Ensel, interkultureller Trainer ( MitOst-Mitglied) Inhalte des Projekts: 2-tägiger Workshop im Europa-Haus, Irkutsk "Selbstbilder - Fremdbilder - Stereotypen" Methode: szenisches Spiel; Arbeitssprache: Deutsch Beobachtung russischen Alltagslebens in verschiedenen Berufen und Lebensbereichen Natur und Umweltsituation am Baikalsee Zusatzangebot: 1 Woche Anreise per Transsib mit Kultur- und Begegnungsprogramm in Nowosibirsk und Tomsk 1 Woche Natururlaub auf der Baikalinsel Olchon 2. Ziele und Erwartungen Das vorherrschende Bild von Sibirien ist nach wie vor sehr einseitig von alten Stereotypen geprägt, die besonders auf die in Südsibirien gelegene Baikalregion nur sehr bedingt zutreffen. Das Hauptziel der Reise war deshalb, den Teilnehmern einen möglichst tiefen Einblick in das heutige Leben in Sibirien zu ermöglichen. Erreicht werden sollte das vor allen Dingen durch viele direkte Begegnungen mit Menschen, in Gastfamilien und während Treffen. Zusätzlich sollte ein workshop zum Thema "Stereotypen und Kommunikation" die Möglichkeit geben, Erlebtes zu reflektieren und gemeinsam mit russischen Teilnehmern zu analysieren. Besichtigungen und touristisches Programm im klassischen Sinn sollten eine untergeordnete Rolle spielen. Nicht zuletzt hat eine Mitgliederreise auch immer das Ziel, durch gemeinsam Erlebtes die Kontakte untern den Mitgliedern zu verstärken. 3. Vorbereitung
Kooperationen: Der Referent Leo Ensel hatte angeboten, seinen Russlandaufenthalt noch auf andere Lektoratsstandorte auszuweiten. Auf dem Treffen der Russlandlektoren der Robert Bosch Stiftung in Jekaterinburg im Februar 2003 zeigten die Lektoren aus Joschkar Ola, Ufa und Kasan Interesse und letztendlich fanden in den beiden letzteren Städten ebenfalls kleine Seminare statt. Beteiligte: Die Antragstellerin war im vorhergehenden halben Jahr Bosch-Lektorin in der Stiftung "Europa-Haus am Baikalsee". Diese und insbesondere deren Geschäftsführer Sergej Arfanid hat das Projektteam organisatorisch unterstützt. An der Organisation des Tomsk-Aufenthalts im ersten Baustein war außer Anja Hess auch die dortige Bosch-Lektorin Julia Gampfer beteiligt. Ablauf, Schwierigkeiten: Es gab keine Schwierigkeiten, die das Zustandekommen des Projekts ernsthaft in Frage gestellt hätten. Sorgen bereitete zu Anfang die Frage, ob ein Referent bereit sein würde, ohne Honorar den workshop in Irkutsk zu leiten. Doch die Befürchtungen erwiesen sich als unbegründet, als Leo Ensel (interkultureller Trainer und Supervisor) zustimmte, diese Aufgabe gegen Erstattung seiner Reisekosten zu übernehmen. Der Baikalsee erwies sich als kostbares Kapital. Die Finanzierung des Projekts war nicht ganz einfach. Bei der Stiftung für West-Östliche Begegnungen zusätzlich beantragte Fördergelder wurden nicht bewilligt. Dadurch reduzierte sich der finanzielle Rahmen und es konnten nicht wie ursprünglich geplant noch Teilnehmer aus anderen russischen Städten eingeladen werden. Finanzielle Unterstützung leistete aber die Deutsch-Russische-Gesellschaft Pforzheim, die zu den Gründern des Europa-Hauses gehört und schon seit einigen Jahren aktiv Kultur- und Begegnungsarbeit in Irkutsk fördert. Die Flugpreise waren stärker als im Budget veranschlagt angestiegen. Der stellvertretende Generalkonsul Tietz im deutschen Konsulat Nowosibirsk setzte sich bei der Fluggesellschaft "SibAvia" dafür ein, dass die Teilnehmer trotz sehr uneinheitlicher Flugdaten und -routen einen günstigen Gruppentarif bekamen, was die finanzielle Lage bedeutend entspannte. 2 Teilnehmer mussten relativ kurzfristig absagen. Doch bereits bezahlte Flugtickets konnten mit nur geringem Verlust zurückgegeben werden. 4. Durchführung Projektverlauf: Das Projekt verlief im Großen und Ganzen reibungslos und ohne Änderungen gegenüber der Planung. Der für den ersten Tag in Irkutsk geplante Programmpunkt "Irkutsker erzählen" musste aufgrund gesundheitlicher Probleme der Gesprächspartner leider sehr reduziert stattfinden. Die Tage auf Olchon wurden leider buchstäblich getrübt durch starke Waldbrände in der Umgebung auf dem Festland. Der Rauch wurde so stark, dass er besonders gegen Ende praktisch kein Sonnenlicht mehr durchließ. Kurz vor der Abreise der Teilnehmer wurde befürchtet, dass sie aus Irkutsk nicht würden abfliegen können, da der Flugverkehr wegen der aus demselben Grund extrem schlechten Sichtverhältnisse bereits mehrere Tage eingestellt war. Doch dieser Fall trat zum Glück nicht ein. Kooperationspartner: Der wichtigste Partner war die Stiftung "Eruopa-Haus am Baikalsee", die die Einladungen für die Gruppe ausstellte und dem Projektteam auch in anderen Fragen mit Rat und Tat zur Seite stand. Die NGO "Wiedergeburt der sibirischen Erde", die ökologische und soziale Projekte in der Region Irkutsk betreut, stellte eine Referentin, die einen sehr lebendigen Einblick in die Umweltsituation am Baikal gab. Mitarbeit der Teilnehmer: Durch intensive e-mail-Korrespondenz entstand schon früh in der Vorbereitungsphase ein enger Kontakt zwischen dem Projektteam und den Teilnehmern untereinander. Wo dies nötig wurde, übernahmen einzelne Teilnehmer schon in Deutschland Aufgaben wie die Beantragung der Visa und das Verschicken der Flugtickets. Während der Reise wurde ein Teil der Dokumentationsarbeit in Form von Tagebuchaufzeichnungen von den Teilnehmern erledigt. 5. Nachbereitung Von einer Teilnehmerin wurde eine interne, nur den Teilnehmern zugängliche, Internetseite eröffnet, auf der jetzt nach Abschluss der Reise Austausch von Fotos und Nachrichten stattfindet. So gelingt es, den Kontakt zu den anderen Gruppenmitgliedern aufrecht zu erhalten und Erlebtes zu reflektieren und auszuwerten. 6. Bewertung 6.1. Zielerreichung Ergebnisse: Die Ergebnisse des Projekts sind schwer messbar. Dennoch ist das Projektteam mit dem Verlauf des Projekts insgesamt sehr zufrieden. Durch das etwas andere Konzept wurden Begegnungen und Erlebnisse möglich, die im Rahmen touristischer Reisen so nicht denkbar sind. Dass es gelungen ist, ein Stück weit Verständnis oder zumindest Interesse an der sehr fremden Region Sibirien zu wecken, bestätigt der Wunsch einiger Teilnehmer, bald wieder zu kommen. Eine kleine Dokumentation in Form von Tagebuchaufzeichungen der Teilnehmer ist geplant, liegt jedoch noch nicht komplett vor. Berichte über die Reise sollen u.a. auf der MitOst-homepage, im MitOst-Magazin und im deutschen Jugendjournal "vitamin de" erscheinen. Außerdem ist geplant, das Projekt auf dem MitOst-Festival 2003 in Ungarn vorzustellen., vermutlich in Form einer Fotoausstellung untermalt von Klangcollagen aus Aufnahmen einer Teilnehmerin. Der NGO "Wiedergeburt der sibirischen Erde", die ihre Arbeit sehr überzeugend und fundiert darstellen konnte, wurde eine Spende für die Herstellung und Bedruckung von Stofftaschen gemacht, die teilweise am "Tag des Baikalsees " als Preise eingesetzt werden sollen, teilweise auch verkauft werden. (Hinweis: Der Verbrauch an Plastiktüten ist in Russland inzwischen sehr groß und das Müllproblem verschärft sich.) In der Irkutsker Zeitung "Nekommerceskij Mir" wurde über die Reise berichtet. Auch durch den "russischen Tag", an dem eine große Zahl von Irkutskern direkt oder indirekt beteiligt waren, bekam der Veranstalter "Europa-Haus" einen größeren Bekanntheitsgrad. Resonanz: Teilnehmer: In einer Auswertungsrunde nach der zentralen Woche der Reise und in den Auswertungsbögen haben sich die Teilnehmer sehr differenziert zu den einzelnen Teilen der Reise geäußert. Dabei entstand folgendes Bild: Der erste Baustein auf der Transsib wurde durchweg sehr positiv bewertet. Das Programm war intensiv, reichhaltig, die Unterbringung in Familien gab Möglichkeit zu vielfältigen privaten Erfahrungen und während der Transsibfahrt konnten alle entspannen und ein Gefühl für die sibirischen Entfernungen bekommen. Die Tage in Irkutsk mit den Workshops wurden kritisch bewertet: vielen fehlte Zeit zum genaueren Kennenlernen der Stadt und zum Ankommen nach der Reise. Die Atmosphäre in den Workshops wurde besonders von den deutschen Teilnehmern nicht als ideal empfunden. Von manchen wurden die Arbeitsmethoden kritisiert. Die russischen Workshop-Teilnehmer gaben insgesamt ein positiveres Urteil ab. Als sehr fruchtbar bezeichneten sie die Möglichkeit, sich in einem solchem Rahmen gemeinsam mit Nicht-Russen mit der eigenen und der fremden Kultur auseinander zu setzen. Auch die spielerischen Methoden fanden fast bei allen Anklang. Der "typische russische Tag" wurde generell sehr begeistert kommentiert, übrigens auch von den Russen, die jeweils 1-2 deutsche Gäste an ihrem Alltag teilhaben ließen. Die Auswertung des Erlebten dagegen war nicht für alle zufrieden stellend. Als entspannend wurden die nachfolgenden Tage am Baikalsee empfunden. Positiv bewertet wurden auch die Programmpunkte zur Umweltsituation. Der dritte Baustein auf der Insel Olchon mit der Möglichkeit zu individuellen Ausflügen, Wanderungen oder einfach Ruhetagen wurde sehr unterschiedlich verbracht und entsprechend auch bewertet. Die erwähnte Wettersituation dämpfte die Stimmung etwas. Insgesamt schienen jedoch die meisten zufrieden mit Unterkunft, Verpflegung, Freizeitangebot und der "wilden" sibirischen Natur. Insgesamt zeigten die Teilnehmer sehr viel Verständnis für kleinere Unvollkommenheiten und Fehler des Organisationsteams. Teilnehmerkommentare Partner: Die Stiftung "Europa-Haus am Baikalsee" war zufrieden mit dem Ablauf der Reise und insbesondere dem Workshop, einer Veranstaltung, die im Europa-Haus so zum ersten Mal stattfand. Wie erwähnt, bewirkte das Projekt einen Werbeeffekt für die Stiftung. Positive und negative Beobachtungen und Erfahrungen: Team: Es war erfreulich zu sehen, wie gut die Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Lektorenstandorten funktionieren kann und wie auf solche Weise spürbare Synergieeffekte erzielt werden können. Selbstverständlich erzeugt die räumliche Distanz zwischen den einzelnen Organisatoren auch Probleme, insbesondere bei der Kommunikation, die fast ausschließlich per e-mail erledigt wurde. Doch gab es in diesem Fall praktisch keine Situationen, in denen die Projektdurchführung dadurch wirklich beeinträchtigt worden wäre. Unterschätzt worden war vom Team sicherlich der zeitliche Aufwand der e-mail-Korrespondenz mit Teilnehmern und Organisationspartnern im Vorfeld. Bei der Konzipierung der Workshops waren sicher Fehler gemacht worden. Referent und Team kamen gemeinsam zu dem Schluss, dass der Referent beim ersten Baustein nicht als Teilnehmer hätte mitreisen sollen, da das die Wahrnehmung seiner Rolle und dadurch auch seine Position innerhalb der Gruppe verkomplizierte. Thema und Zielsetzung der Workshops waren im Vorfeld nicht klar genug formuliert worden, so dass teilweise falsche Erwartungen entstanden. Die Gruppengröße war von Anfang an zu groß veranschlagt worden. Das erschwerte die Arbeit im Plenum sehr und führte dazu, dass inhaltlich weniger Tiefe erreicht werden konnte. Das Verhältnis russische-nichtrussische Teilnehmer war nicht ausgewogen (15:6), eventuell wären manche Diskussionen sonst fruchtbarer verlaufen. Auch methodische Fehler wie mangelnde Transparenz der Methoden und keine ausreichende Auswertung nach den einzelnen Arbeitseinheiten waren wohl mit verantwortlich für die unbefriedigende Atmosphäre und die kritische Einschätzung der Teilnehmer. Zusätzlich verschärft wurden einige der erwähnten Punkte durch die knappe Zeitsituation., die ebenfalls als Planungsfehler des Teams einzuschätzen ist. Da die positiven Eindrücke aus den anderen Programmpunkten bei der Endbewertung der Teilnehmer jedoch eindeutig überwogen, kann man diese negativen Punkte wohl als lehrreiche Erfahrungen bezeichnen, die bei eventuellen zukünftigen Projekten sicher eine große Hilfe sein werden. Grundsätzlich kann man sagen, das alle Organisatoren durch das gesamte Projekt ungeheuer viel gelernt haben. Teilnehmer: Alle Teilnehmer waren sehr offen und interessiert, bei vielen spürte man, dass sie als MitOst-Mitglieder bereits Erfahrungen mit anderen osteuropäischen Ländern hatten. So konnten sie auch in ungewohnten Situationen in einer fremden Umgebung adäquat reagieren und brachten sehr viel Verständnis auch für Schwierigkeiten auf. Die meisten Teilnehmer kannten sich vor der Reise nicht näher und folglich war das Bedürfnis nach Integration in die Gruppe unterschiedlich. Die Gruppendynamik schwankte zwischen intensiven Gemeinschaftserlebnissen und der Suche nach Distanz, die durch getrennte Unterkünfte und Freizeit-Einheiten auch meist gefunden werden konnte. Langfristige Auswirkungen: Die Zusammenarbeit mit dem Europa-Haus hat sich gut bewährt und wird sicher fortgeführt, möglicherweise sogar mit ähnlichen Projekten. Durch den Wunsch einiger Teilnehmer , ihre Bekanntschaft mit Sibirien noch zu vertiefen, entstand die Idee, eventuell eine Winterreise in Angriff zu nehmen. 6.2. Öffentlichkeitsarbeit Aktivitäten: Da es sich bei dem Projekt um eine "interne" Mitgliederreise handelte, blieb die Öffentlichkeitsarbeit auf einen eher engen Rahmen beschränkt. Die Ausschreibung der Reise erfolgte nur über die MitOst- und die Lektoren-homepage, sowie durch Rundmails, im Vorfeld war auf der Mitgliederversammlung in Berlin durch die Vorstellung des Projekts bereits ein gewisser Bekanntheitsgrad erzielt worden. Der Workshop war in Irkutsk wegen der sehr spezifischen Anforderungen an die Teilnehmer (sehr gute Deutschkenntnisse) nicht öffentlich ausgeschrieben worden. Die russischen Teilnehmer wurden durch mündliche Werbung in Unterrichtsveranstaltungen gefunden. Voraussichtlich werden mehrere Artikel (s.o.) im Nachhinein über die Reise berichten. Resonanz: Es war kein Problem, ausreichend Bewerbungen zu bekommen, leider musste sogar mehreren Bewerbern abgesagt werden. Relativ gering war leider der Anteil von nicht-deutschen Bewerbern, obwohl mit gestaffelten Teilnehmerbeiträgen den unterschiedlichen Einkommensverhältnissen Rechnung getragen wurde. 6.3. Perspektiven Im Grunde genommen wurde die Reise als einmaliges Projekt geplant. In diesem Sinne wird es keine Folgeveranstaltungen geben. Ein Teil der Teilnehmer wird sich möglicherweise auf dem MitOst-Festival in Pecs treffen und im Vorfeld gemeinsam die Projektvorstellung ausarbeiten. Die Erfahrung mit der Reise hat die Organisatoren dazu angeregt, sich intensiver mit dem Thema "interkulturelle Begegnungen" auseinander zu setzen. Eine mögliche Perspektive ist deshalb weitere Fortbildung in dem Bereich und möglicherweise die Organisation ähnlicher Projekte in der Zukunft. |
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