Wir erwarteten, dass die Teilnehmerinnen durch die zum Teil schwierige Aufgabenstellung die Erfahrung machen konnten, als Gruppe mehr zu erreichen. Dadurch, dass sie auf alle Ressourcen zugreifen mussten, sollten sie ein Gefühl dafür zu bekommen, wie wichtig die gegenseitige Befruchtung ist. Wir hofften darauf, dass deutlich würde, welche Blickwinkel auf die Literatur, auf ihre Funktion als Zeitzeuge und auf die Analysetechniken durch die Wissenschaft den Diskurs bei unseren Nachbarn prägen. Von der jeweils anderen Perspektive erwarteten wir Anreize und Anstöße zur Erweiterung des eigenen Zuganges.
Konkret erhofften wir uns neben der Erfahrungsmöglichkeit der unterschiedlichen, individuellen poetischen Verfahrensweise der Autoren Einblicke in den Literaturbetrieb der drei Länder und eine Diskussion über die Voraussetzungen dieser Unterschiede. Von den Teilnehmern erwarteten wir die Bereitschaft, sich über die Auseinandersetzung mit den Texten (literarische Arbeiten ebenso wie grundlegende Texte aus den Bereichen Analyse/Kritik) für andere Wahrnehmungsweisen zu öffnen, diese zu diskutieren und sich zu bemühen, eine gemeinsame Position zu erarbeiten. Nicht zuletzt hofften wir, dass die intensive Zusammenarbeit, der gemeinsame Aufenthalt und die gemeinsam verbrachte Reisezeit persönliches Kennenlernen ermöglichen würden. Das dadurch erreichte Vertrauen wollten wir als Einsatz für die Zukunft nutzen, um an der Vernetzung der studentischen Diskussionsräume der drei Länder mitzuarbeiten. Nicht zuletzt wünschten wir uns den Keim für einen Hochschulkontakt "von unten" zu legen, welcher über die Ländergrenzern hinweg von den Studierenden selbst getragen werden könnte.
Vorbereitung
Die Vorbereitung des Projektes verlief in drei Phasen:
- Inhaltliche Konzeption, Planung der Finanzierungsmöglichkeiten
Die erste Fassung der inhaltlichen Konzeption wurde in Zusammenarbeit mit dem Thomas-Mann-Kulturzentrum in Nida erarbeitet. Der Akzent lag zu diesem Zeitpunkt sehr deutlich auf dem literaturwissenschaftlichen Aspekt. Auf der Basis dieses ersten Ansatzes wurden die Förderanträge beim DAAD und beim Auswärtigen Amt gestellt und bewilligt. Auch die Ausschreibung über die Universitäten erfolgte auf dieser Basis. Dabei wurde für Polen auf die Netzwerke des DAAD und der Robert-Bosch-Stiftung zurückgegriffen. Die litauischen Hochschulen wurden direkt angeschrieben. Ebenfalls auf der Basis der ersten Konzeption wurde mit der Suche nach interessierten Autoren begonnen. Für Litauen gestaltete sich die Suche schwieriger als in Deutschland und Polen, da sich das Sprachproblem als Hindernis erwies. Es war nicht leicht, einen Autor bzw. eine Autorin zu finden, die entweder Deutsch oder Englisch gut genug beherrschten, um aktiv an der Diskussion teilzunehmen. Eine weitere Aktivität der ersten Phase bestand in den Bemühungen, potentielle Kooperations-partner zu interessieren. Hier hatten wir gute Erfolge: der litauische Verlag Baltos Lankos und die Vermittlerorganisation Books from Lithuania waren bereit, uns zu unterstützen.
- Inhaltliche Vorbereitung, Erweiterung der Konzeption
In der zweiten Phase wurde die Konzeption um eine stärkere Akzentuierung der literarischen Kritik erweitert, was auf Ergänzungsvorschlägen durch MitOstMitglieder beruhte. Sonst ging es vor allem um die inhaltliche Vorbereitung der Teilnehmer. Wie bereits erwähnt, führten wir Vorbereitungsveranstaltungen für die Studentinnen durch. Hinzu kam der Besuch einschlägiger Veranstaltungen (z.B. von Lesungen polnischer Autoren im "Klub der polnischen Versager"), um unseren eigenen Horizont zu erweitern. Im Mai 2004 fuhr Claudia M. nach Litauen, um dort mit Frau Dr. Kruminiene (Universität Vilnius) und mit Frau Dr. Budvytyte (Universität Siauliai) noch einmal inhaltliche Einzelheiten zu besprechen. Das Ziel dieser Reise bestand auch darin, die Zusage eines litauischen Autors zu erhalten. Trotz der Unterstützung durch Books from Lithuania und den Litauischen Schriftstellerverband blieb diese Frage jedoch offen. Erst im Juni konnte Jurgita A. Gintaras Grajauskas ("Knochenflöte") für die Mitarbeit gewinnen.
- Logistische Vorbereitung
Die dritte Phase begann, als wir bereits die Förderungszusage erhalten hatten. Sie war von der logistischen Vorbereitung geprägt. Die Vorortorganisation für Nida und Vilnius übernahm Jurgita A. Die Einzelheiten der Ankunft und die Fahrkarten wurden von Berlin aus durch Almut H. und Claudia M. organisiert. Das Besorgen der polnischen Tickets übernahm dankenswerterweise Ursula Kiermeier, die DAAD-Lektorin, die sich gemeinsam mit den polnischen Studentinnen für das Seminar angemeldet hatte. Am Seminar war sie als Übersetzerin beteiligt.
Für die theoretische Vorbereitung wurde ein Reader erstellt. Dazu wurden Leitfragen entwickelt. Durch ein Versehen der Post ging dieser Reader jedoch verloren, und so konnte die Auseinandersetzung mit den theoretischen Texten erst in Nida beginnen. (Das war unsere einzige echte "Panne".) Die Texte der beteiligten Autoren wurden den Studentinnen über das Internet zugänglich gemacht. Außerdem wurden Bücher und Zeitschriften gekauft, um während der Reise erste Lektüreerfahrungen diskutieren zu können. In Nida wurde das Plakat für die öffentliche Lesung erstellt, gedruckt und aufgehängt. Der Seminarraum wurde reserviert und die nötigen Arbeitsmaterialien wurden besorgt.
Durchführung
Das Projekt verlief im Wesentlichen wie geplant. Die Gruppe der anreisenden Teilnehmer und Autoren wurde unterwegs immer größer, was eine schöne und positive Erfahrung war. In Kaunas (Litauen), dem Zielort der Bahnfahrt und dem Ort der ersten Übernachtung, fand eine gemeinsame Stadtbegehung statt, angeleitet von der Architektin Loreta Bulakiene. Am nächsten Morgen erfolgte die Weiterreise nach Nida, wo das Seminar durch ein gemeinsames Abendessen eröffnet wurde. Anschließend lasen die Autoren im historischen Stadtmuseum ihre Texte. Almut H. moderierte die Lesung und die Diskussion. Nerijus Grigas unterstützte uns als Übersetzer.
Die nächsten drei Tage waren die eigentlichen Arbeitstage. Nach einer sehr interessanten Einführung durch die Autoren kam es zu einer angeregten Diskussion über die Besonderheiten der literarischen Szene in allen drei Ländern. Hier beeindruckte vor allem der hohe Stellenwert der Literaturzeitungen in Polen und die unabhängige rechtliche Stellung der Autoren gegenüber den polnischen Verlagen. Am Nachmittag desselben Tages fanden sich die Teilnehmerinnen in Arbeitsgruppen zusammen und lasen Texte zur literaturwissenschaftlichen Analysetechnik. Die Lektüreergebnisse wurden anschließend im Plenum vorgestellt. Am Folgetag wurde noch einmal die Frage der literarischen Kritik angeschnitten. Nach einer Diskussion im Plenum zogen sich die nun neugebildeten Arbeitsgruppen zurück, um eigene Texte zu verfassen. Diese Texte wurden nach der Mittagspause mit den Autoren besprochen. Die Autoren waren sehr kooperativ, zeigten ein hohes Maß an Gesprächsbereitschaft und nahmen die Texte der Studenten sehr ernst. Die Arbeit an diesen Texten kam im Seminar noch nicht zum Abschluss, sie wurde später fortgesetzt. Am Abend des zweiten Tages waren alle Seminarteilnehmer im Thomas-Mann-Haus eingeladen. In entspannter Atmosphäre wurden Eindrücke ausgetauscht und immer weiter kreisende Gespräche zu vielen verschiedenen Fragen geführt. Die in der Anfangsphase noch deutlich erkennbaren nationalen Gruppen mischten sich, durch die Seminararbeit hatten sich Nähe und Vertrautheit eingestellt. Am Ende hatte wahrscheinlich nahezu jeder mit jedem gesprochen.
Am letzten Seminartag erfolgten Auswertung und Seminarkritik. Die Bilanz war überwiegend positiv. Kritisiert wurde, dass die Zeit zu knapp war, dass es mehr Möglichkeiten geben sollte, von der Gesprächsbereitschaft der Autoren zu profitieren, dass das theoretische Input zu massiv war. Als sehr positiv wurde die Möglichkeit hervorgehoben, den Autoren ohne Kommunikationsbarriere zu begegnen. Als sehr gute Erfahrung wurde das gegenseitige Kennenlernen bei der gemeinsamen Arbeit vermerkt. Von litauischer Seite wurde mit Freude festgestellt, dass die litauische Literatur durch das Seminar bekannter geworden war und dass das Land Litauen Gäste bekommen hatte, die über ihre Reise berichten würden. Der Zauber des Ortes Nida blieb nicht unerwähnt, was nicht verwundert, da wir aus den Fenstern des Seminarraumes direkt auf die Wellen des Kurischen Haffs blicken konnten.
Im Rückblick kann man die Zusammenarbeit mit unseren Kooperationspartnern vor Ort als sehr gut bezeichnen. Die Mitarbeit der Teilnehmer überzeugte durch hohen Einsatz und die Bereitschaft, sich auch schwierigen Fragestellungen zu stellen. Noch einmal hervorgehoben werden soll die Offenheit und die Gesprächsbereitschaft der Autoren. Ohne die kreativen und informierten Beiträge von Ursula Kiermeier wäre das Seminar nicht das geworden, was es war.
Im Anschluss an das eigentliche Seminar reiste die Gruppe noch nach Vilnius. Hier erkundeten die Teilnehmer gemeinsam die Stadt, die in der Geschichte immer wieder der Schnittpunkt der politischen Entwicklungen in den drei benachbarten Ländern war, aber natürlich in ihrem Reichtum an Erinnerungspunkten darüber weit hinausgeht, da neben litauischer, polnischer und deutscher Geschichte hier auch jüdische, russische und tatarische Elemente präsent sind. Am Morgen des Abreisetages waren wir Gäste im Hauptgeschäft des Verlages Baltos Lankos. Hier informierte uns die Leiterin der Rechtsabteilung des Verlages über Besonderheiten des litauischen Buchmarktes, über die Präsenz litauischer Autoren auf dem internationalen Markt und über die Verbreitung polnischer und deutscher literarischer Texte in Litauen. Zur Sprache kamen auch Fragen der Übersetzung im multinationalen Kontext der modernen litauischen Gesellschaft.
Öffentlichkeitsarbeit
Im Vorfeld des Projektes wurde eine Pressemitteilung an die Pressestelle der Freien Universität, an das Literarische Kolloquium Berlin und an das Polnische Kulturzentrum Berlin verschickt. Auf der Homepage von MitOst e.V. erschien im August eine Ankündigung. In Nida wurde eine Pressemitteilung an die lokale Presse verschickt. Auf der Homepage des Thomas-Mann-Kulturzentrums wurde über das Projekt informiert.
Zielrichtung, Perspektiven
Wir sind der Ansicht, dass wir unsere oben erläuterten Ziele erreichen konnten. Die Resonanz der Teilnehmer war positiv, an einer Fortsetzung des Projektes besteht konkretes Interesse. Jurgita A. und Ursula K. erklärten sich bereit, für ein weiterführendes Projekt die organisatorische Verantwortung zu übernehmen. Als Ziel der Fortsetzung wurde der literarische Austausch und der Transfer literarischer Erfahrung zwischen den Teilnehmerländern ins Auge gefasst. Wir hoffen sehr, dass diese Fortsetzung zustande kommt und werden uns selbst nach besten Kräften an der Verwirklichung beteiligen. Unser Dank gilt unseren Förderern für die Möglichkeit, das Projekt "Treffpunkt Text" wie geplant durchzuführen. Wir werden in Kürze unsere Projektdokumentation vorlegen. Wir hoffen, wir konnten mit unserem Bericht den Verlauf des Projektes deutlich werden lassen und möchten uns abschließend noch einmal bei allen Mitwirkenden und Unterstützern bedanken.
Berlin, den 14. Oktober 2004
Dr. Almut Hille, Claudia Müller