Der neue EU-Nachbar: "Wo liegt die Ukraine?"



von: 30.04.04 bis: 10.05.04 in: Ukraine (Lwiw, Kiew, Donezk)

Teilnehmeranzahl: 14

Kurzzusammenfassung:



Wo liegt die Ukraine? 1
Mit Brot begrüßt

Während sich Politiker und Historiker noch überlegen, in wie weit die Ukraine geschichtlich und kulturell zu Europa gehört, haben die MitOstler diese Frage praktisch unter die Lupe genommen. Die diesjährige MitOst-Reise führte uns quer durch das Land von Lwiw im Westen über das Zentrum (Kiew) bis in den Osten nach Donezk. So lernten wir das Land in seinen unterschiedlichen Ausprägungen kennen.

Die zahlreichen Treffen mit diversen Organisationen und Institutionen machten uns mit dem öffentlichen Leben der Ukraine, ihrer nationalen und internationalen aktuellen Problematik bekannt. Die NGO "Women's perspectives" sowie die unabhängige Kulturzeitschrift "Ji" in Lwiw gaben einen Überblick über ihre Tätigkeit und die aktuelle Situation in ihrem Arbeitsbereich in der Ukraine. In Kiew berichteten die Mitarbeiter der UEPLAC, Ukrainian-European Political and Legal Advice Centre sowie die Mitarbeiterin der Delegation der Europäischen Kommission in der Ukraine über ihr Aufgabenfeld. Im Donbass stellte uns der Bürgermeister der Stadt Mospino seinen Ort vor und die stellvertretende Leiterin der "Jungen Welt", der Jugendorganisation der deutschen Minderheit im Donbass berichtete über deren Arbeit. Der Aufenthalt in den Familien in Lwiw und Donezk erlaubte uns Einblicke in das private Leben und förderte neue Freundschaften. Zwei Ereignisse rahmten symbolisch unsere Reise ein: die EU-Osterweiterung, als wir gerade die neue EU-Grenze zwischen Polen und der Ukraine überquerten, und der Tag des Sieges am 9. Mai in Kiew, wo an der Parade teilnehmen konnten.

Nach der Reise hatte jeder Teilnehmer seine eigene Antwort auf die Frage: "Wo liegt die Ukraine?"

1. Wie hat sich das Team auf das Projekt vorbereitet?



Wo liegt die Ukraine? 2
Batuschka erklärt

An der Vorbereitung waren die drei Projektleiterinnen beteiligt. Jede "kümmerte" sich um den Programmablauf in einer Stadt bzw. hielt den Kontakt zu den jeweiligen Partnern, Organisationen vor Ort. Die Projektleiterinnen trafen sich während der Vorbereitungsphase mehrmals in Berlin.

Um den reibungslosen Ablauf der Reise zu gewähren, fuhr Ellen Gaus im März "die Route ab". Große Unterstützung gab es dabei in Lwiw von der Studentenorganisation "Moloda Dyplomatiya", insbesondere Julia Stefantschuk, die die Einladungen für die tschechischen Teilnehmerinnen ausstellte, Familienunterkünfte fand und Restaurants empfahl und mit aussuchte, sowie Tatyana Balschowa, MitOst-Ländervertreterin in der Ukraine, die das Freizeitprogramm und die offiziellen Termine mitgestaltete.

In Kiew half das MitOst-Mitglied Tatyana Katsbert bei der Suche nach geeigneten Unterkünften. In Donezk war der Lehrstuhl für germanistische Philologie der Universität bei der Vermittlung von Familienunterkünften und einigen Programmpunkten behilflich. Das langwierige Abenteuer Zugtickets-Erwerben wurde mit Hilfe von Frau Sosnytska (Olgas Mutter) gemeistert.

Die Fördermittelakquisition war leider nicht erfolgreich. Die Stiftung West-Östliche Begegnungen, die Schwarzkopf-Stiftung, die Donbass-Wirtschafts-Kooperation, die Gebrüder Klitschko und weitere angefragte potentielle Förderer sahen sich nicht in der Lage, das Projekt finanziell zu unterstützen. Andererseits konnten die Kosten erheblich gesenkt werden mit Hilfe der ukrainischen Partner, einer veränderten Gesetzgebung, die nicht mehr vorsieht, unterschiedliche Preise für In- und Ausländer zu erheben, und einer verständnisvollen Angestellten in der Botschaft der Ukraine in Berlin.

Die Teilnehmer sollten einen Einblick erhalten in das öffentliche Leben und den Alltag des großen post-sowjetischen Staats, der da just hinter der neuen EU-Außengrenze abgeschottet wurde. Die großen Unterschiede nicht nur zu den westlichen Nachbarn sondern auch innerhalb der Ukraine selbst sollten aufgespürt werden. Die offiziellen und die informellen Treffen sollten dazu beitragen, das Interesse am Land, der Bevölkerung zu wecken um auch evtl. spätere Kooperationen zu ermöglichen. Die Reise sollte den Teilnehmern nicht nur die andere Kultur nahe bringen, sondern auch das Verstehen und kollegiale Miteinander-Reisen in einer Gruppe fördern.

Ursprünglich wurden 15 MitOst-Mitglieder anhand der bis Anfang März 2004 eingegangenen "Bewerbungen" ausgewählt. Auswahlkriterien waren Interesse und Offenheit sowie geringe Vorkenntnisse über das Land. Die Teilnehmer waren deutscher (12), tschechischer (2) und polnischer (1) Nationalität. Drei der deutschen Teilnehmer lebten und arbeiteten zu dem Zeitpunkt in MOE und zwar in Tschechien (2) bzw. Litauen (1).

Eine deutsche Teilnehmerin musste aufgrund eines Trauerfalls in ihrer Familie leider kurz vor der Reise absagen, so dass nur 14 Teilnehmer mitreisten.

2. Wie haben sich die Teilnehmer auf das Projekt vorbereitet?



Alle Teilnehmer waren zum ersten Mal in der Ukraine. Sie lasen sich die Informationen im Vorfeld der Reise teilweise selbst an. Allgemeine Angaben zum Land und den Städten stellten ebenfalls das Organisationsteam zur Verfügung.

3. Programmerstellung



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Bei der Vertretung der Eu- Kommission in Kiev

Bei der Zeitplanung des Projektes spielte das große politische Europaereignis 2004, die EU-Osterweiterung, mit. Denn die Gruppe überquerte die neue EU-Grenze in der Nacht ihrer Entstehung. Als ein abrundendes Ereignis ist die Siegesparade in Kiew anzusehen. Für drei Städten Lwiw, Kiew und Donezk wurden je 2-3 Tage eingeplant. Die Wahl von drei Städten war ebenfalls nicht umsonst: sie spiegeln die breite Palette der historisch- politisch- kulturellen Situation in der Ukraine. Gespräche mit politischen Entscheidungsträgern, NGOs und internationalen Organisationen sollten innerpolitische und internationale Problematik des Landes artikulieren. Beobachtung und aktive Teilnahme am Alltagsleben in Familien sollten Einblicke in das Private erlauben.

4. Durchführung des Projektes



Bis auf kleine Ausnahmen verlief die Reise wie geplant.

Durch einen sehr starken Andrang an der polnisch-ukrainischen Grenze hatten wir mehr als 4 Stunden Verspätung, so dass der erste Tag sehr viel anstrengender als gedacht ausfiel, da die "Erholungszeit", die nach der Ankunft eingeplant war, komplett fehlte. In Donezk wurde ein Programmpunkt auf Wunsch der Teilnehmer gestrichen, um noch einen Marktbesuch unterbringen zu können.

Die Zusammenarbeit im Team hat im Vorfeld sehr gut funktioniert. Da wir leider nicht alle in Berlin leben, musste die Kommunikation per E-Mail erfolgen, was aber problemlos verlief. Durch eine klare Aufgabenverteilung im Vorfeld konnten die nötigen Kontakte hergestellt und verschiedene Ideen für Programmpunkte umgesetzt werden. Das zeigte sich auf der Vorbereitungsreise im März, wo das "jeweilige Terrain" bereits gut vorbereitet war, und dann konkrete Absprachen, Reservierungen mit Ansprechpartnern vor Ort durchgeführt werden konnten.

Hervorzuheben ist dabei auch das funktionierende "MitOSt-Netzwerk". Viele nützliche Kontakte kamen so zustande, Hinweise wurden gegeben etc..

Bis auf kleine Unstimmigkeiten in Lwiw (s. Punkt 10) verlief die Teamarbeit reibungslos.

5. Mitarbeit der Teilnehmer

Die Teilnehmer haben die Reise mit Tagebuchaufzeichnungen und Fotos dokumentiert.

6. Welche Mittel wurden angewendet, welche Mittel haben das gewünschte Resultat nicht gebracht und warum?

Während der ganzen Reise wurde auf die Hilfe der ReferentInnen von der Seite der jeweils besuchten Organisation/ Institution zurückgegriffen. Dieses Mittel erwies sich als hilfreich, denn die entstandenen Diskussionen waren sehr informativ und gaben viel Stoff zum Nachdenken und zur geistigen Auseinandersetzung mit dem Problem.

7. Wodurch wurden die Ziele realisiert?

Das primäre Ziel der Standortbestimmung wurde eindeutig erreicht. Die Teilnehmer haben einen Einblick in die verschiedenen Lebensbereiche erhalten und auch ganz unterschiedliche Meinungen und Perspektiven zu Land und Leuten kennen gelernt. Dadurch dass auf Authentizität sehr viel Wert gelegt wurde, konnten die Teilnehmer zumindest einen kleinen Eindruck von der Lebensrealität der Ukrainer bekommen. Es ist gelungen, ihr Interesse an der Region und den Menschen sowie Verständnis für die besonderen Lebensumstände zu wecken. Die Ukraine ist nun kein weißer Fleck mehr auf der Karte. Einige Teilnehmer haben bereits angekündigt, die Ukraine erneut besuchen zu wollen.

8. Wie wurde das Projekt ausgewertet?

Es wurden zwei Auswertungsrunden, eine nach der "Halbzeit" in Kiew und eine auf der Rückfahrt im Zug, durchgeführt.

Die erste (mündliche) Runde diente vor allem dazu, einen Überblick über die "Befindlichkeit" der einzelnen Teilnehmer und der Gruppe insgesamt zu bekommen. Es stellt sich heraus, dass einige Teilnehmer ein "Wir-Gefühl" in der Gruppe vermissten, dass dem Umstand zu schulden war, dass es zu Beginn der Reise keine richtige Vorstellungsrunde gab (wie erwähnt verlief der erste Tag aufgrund der enormen Verspätung nicht plangemäß). Auch wurde die Fülle des Programms bemängelt. Einigen Teilnehmern fehlte Zeit zur eigenen Reflexion des Erlebten.

Die zweite Runde bot den Teilnehmern die Möglichkeit, den Reiseverlauf zu rekapitulieren und gemeinsam mit den anderen ihre Eindrücke auszutauschen. Die Teilnehmer erhielten dazu farbige Notizzettel, auf denen sie positive, negative Kritik bzw. Verbesserungsvorschläge notieren konnten. Die Zettel wurden dann im Gang des Zuges für alle TN einsehbar aufgeklebt. Der Tenor war positiv.

9. Was hat den Teilnehmern besonders gut gefallen, was weniger?



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Paparazzi

Die Organisation insgesamt wurde positiv bewertet. Die Entscheidung für Gastfamilien stellte sich als richtig heraus. Die Wahl der zunächst kritisch beäugten Verkehrsmittel fand im Nachhinein auch Anklang. Die vielen Zugfahrten waren jedoch sehr anstrengend. Die Auswahl der Gesprächspartner und Programmpunkte sowie des Reisezeitpunkts wurde als sehr gelungen erwähnt. Stress, bzw. zu wenig Zeit für sich selbst wurde auch hier wieder bemängelt. Außerdem wären einige Teilnehmer lieber länger in Kiew gewesen als in Donezk.

10. Gab es Probleme?

Der klaren Aufgabenverteilung im Vorfeld der Reise stand ein eher chaotischer Beginn in Lwiw gegenüber. Durch die verspätete Ankunft fehlte es an Vorbereitungszeit. So gab es zunächst keine Abstimmung im Team, was zu Missstimmigkeiten führte. Das änderte sich dann und ab dem 3. Tag funktionierte auch die Zusammenarbeit wieder ohne Missklang.

Problematisch war der Zeitfaktor. Um möglichst viele Eindrücke vermitteln und viele Gesprächstermine wahrnehmen zu können, war das Programm dicht gedrängt. Es stellte sich heraus, dass es zumindest für einige Teilnehme eine sehr große Anstrengung darstellte.

Letztendlich war aber die Gesamtstimmung trotzdem positiv.

11. Welche Auswirkungen hat das Projekt auf die Gruppe, Teamarbeit und Erfahrung Einzelner?



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Viele Gruppenteilnehmer meinten, dass bei ihnen das Interesse an der Ukraine und generell an Osteuropa nachhaltig geweckt wurde. Bei einigen sind private Freundschaften und Kontakte entstanden. Alle Teilnehmer waren zum ersten Mal in der Ukraine und einige zum ersten Mal in Osteuropa. Somit lieferte die Projektreise nicht nur die erste Bekanntschaft mit der Ukraine, sondern auch viele Erfahrungen mit der Kultur und Lebensverhältnissen eines postsowjetischen Staates sowie die Erfahrung des Reisens mit einer zunächst unbekannten Gruppe. Wie wir wissen, bleiben einige Teilnehmer weiterhin im Kontakt mit einander. Ausschließlich alle Reiseteilnehmer schätzten die Projektreise als eine positive Lebenserfahrung für sich ein.

Für jede der Projektleiterinnen war das Projekt ein ebenfalls erfahrungsreiches Geschehnis. Für zwei von uns war es die erste große praktische Erfahrung in der Projektarbeit. Das war sowohl arbeitstechnisch als auch für die Selbstreflexion sehr lernreich. Außerdem brachten die Teamarbeit uns drei näher zu einander.

12. Gibt es die Möglichkeit weiterer Zusammenarbeit?



Da diese Reise als einmaliges Projekt gedacht ist, wird es keine direkte Fortführung geben. Es besteht jedoch die Möglichkeit, dass durch den entstandenen Kontakt, insbesondere mit der "Moloda Dyplomatiya" in Lwiw weitere Projekte geplant und durchgeführt werden.

13. Welches Echo fand das Projekt?

Die besuchten Institutionen, Organisationen zeigten ein großes Interesse an unserer Gruppe und äußerten auch den Wunsch nach weiteren Kontakten. In Lwiw organisierte Tatyana Balaschowa für die Studenten der "Moloda Dyplomatiya" einen Info-Abend über MitOst, THK. Ebenso bei der NGO "Women's perspectives" bestand großes Interesse an weiterer Zusammenarbeit mit MitOst.

Von der Schule in Mospino kam die Anfrage nach Schulkontakten bzw. Brieffreundschaften zu deutschen Schülern. Die Vertreterin der Jungen Welt, der Jugendorgansiation der deutschen Minderheit im Donbass lud alle Teilnehmer zu einem Sommersprachkurs Deutsch für Jugendliche im Gebiet Donezk ein. Der an der Universität in Donezk tätigen DAAD-Lektorin (und MitOst-Mitglied) stellten wir Infomaterial über MitOst, THK, Junge Wege. zur Verfügung, so dass auch sie Infoveranstaltungen durchführen kann.

In Lwiw erschien ein Artikel in der Zeitung "Wyssoki Samok" über den Aufenthalt der Gruppe.

14. Wurde auf MitOst e.V., auf den jeweiligen Förderer hingewiesen? Wenn ja, in welcher Form?

Bei allen offiziellen und informellen Treffen wurde auf MitOst e.V. und RBSG hingewiesen. Da die Reise auch als eine MitOst-Mitgliederreise konzipiert wurde, kam MitOst immer wieder zu Sprache. Viele ukrainische Studenten drückten den Wunsch und die Absicht aus, dem MitOst e.V. beizutreten. In Lwiw erschien ein Artikel in der Zeitung "Wyssoki Samok" über den Aufenthalt der Gruppe mit dem Hinweis auf die Förderer. Im Reisebericht, der in Form eines Magazins erscheint, wird auf alle drei Förderer (RBSG, MitOst e.V., AStA der TU Berlin) hingewiesen.