- Ort: Tula, Philologische Fakultät der Staatlichen Universität Tula
- Zeit: 8.-14. Oktober 2006
- Projektleiterin: Luise Petzschmann
- Autorinnen des Berichts: Noreen Wunderlich und Isabella Kahler
Projektbericht
Am 8.10. 2006 trafen sich die 10 Teilnehmer des Workshops zur Lyrikübersetzung in Tula. Ziel des Workshops war, dass jeder Teilnehmer ein Gedicht aus dem 20. Jh. seiner Wahl in seine Muttersprache übersetzt. Teilgenommen haben sowohl russische als auch deutsche Muttersprachler, die einen ganz unterschiedlichen Erfahrungshorizont beim Übersetzen von Lyrik haben: für die einen gehört das Übersetzen zum Alltag, wobei für die Lyrikübersetzung dabei kaum Zeit bleibt, andere übersetzen Gedichte in ihrer Freizeit, und einige haben in Tula ihre ersten Erfahrungen damit gesammelt.
Organisiert wurde der Workshop von drei ehemaligen Bosch-Lektoren, die jeweils ein oder mehrere Jahre an einer osteuropäischen Hochschule Deutsch bzw. ihr Studienfach unterrichtet haben, und von einer russischen Dozentin am Lehrstuhl für Linguistik und Übersetzung der Universität Tula. Dort konnten wir für eine Woche unserem Interesse für Lyrikübersetzung nachgehen. Am Lehrstuhl für Linguistik und Übersetzung wurden wir vom Leiter des Lehrstuhls, Herrn Popov, sehr herzlich bei Tee und Torte empfangen und während unseres gesamten Aufenthaltes betreut. Untergebracht waren wir im Wohnheim-Hotel der Universität Tula, das sich in unmittelbarer Nähe zu unserem Arbeitsort befand, zu Mittag aßen wir jeden Tag in der Mensa, die sich direkt gegenüber der Fakultät befand.
Nach dem gemeinsamen Frühstück im Wohnheim begann die Arbeit an den Gedichten in den Räumen der Universität. Zu Beginn stellte jeder Teilnehmer sein Gedicht vor, gemeinsam wurden sprachliche und stilistische Auffälligkeiten besprochen und die Gedichte interpretiert, da das Verstehen die Grundlage der Übersetzung bildet. Dann konnte die Übersetzungsarbeit beginnen. Dabei wurde keiner mit seinem Gedicht alleingelassen, denn die Zusammenarbeit in russisch-deutschen "Sprachtandems" oder Kleingruppen war ein wichtiger Bestandteil des Arbeitsprozesses. Außerdem setzten sich regelmäßig auch alle Teilnehmer zusammen, um den Stand der Arbeit bzw. ihre Schwierigkeiten mit den anderen zu besprechen. Dieser Austausch erwies sich als besonders hilfreich und interessant, weil sich zeigte, wie unterschiedlich die Herangehensweisen und Erwartungen an eine Gedichtübersetzung sein können.
An einem Vormittag fand auch eine Diskussionsrunde mit russischen Übersetzerstudenten am Lehrstuhl statt, bei der wir unser Vorhaben vorstellten und darüber ins Gespräch kamen. Für zwei Workshopteilnehmer bot sich auch die Gelegenheit, eine Deutschstunde für die russischen Studenten zu halten.
Höhepunkt der Woche war der Besuch des Landguts von Lev Tolstoj in Jasnaja Poljana, wo wir am letzten Tag bei wunderschönem Herbstwetter an einer Führung teilnahmen. Anschließend konnten wir bei einem Spaziergang die Natur genießen und die besondere Atmosphäre auf uns wirken lassen. Dazu waren auch ein Mitarbeiter des Goethe-Instituts Moskau und die russische Journalistin und Lyrikerin Elena Fanajlova angereist, die uns dann an unserem Abschlussabend im Wohnheim ihre Gedichte im Original und in der Übersetzung von Brigitte Oleschinski vorlas. In diesem Rahmen stellten auch wir die Ergebnisse unserer Übersetzungsarbeit vor.
Natürlich haben wir nicht nur an unseren Gedichten gearbeitet, sondern uns auch die Stadt Tula angesehen, die vor allem für ihre Samoware und Lebkuchen bekannt ist. Auch durch den Sitz einer alten Stahl- und Waffenproduzentenfamilie, der Familie Demidov, ist Tula bekannt geworden. Bei einem Besuch des Kremls, in dem sich ein erstaunlich riesiges Waffenmuseum befindet, konnten wir uns davon überzeugen. An einem der Abende gingen wir außerdem, da es herbstlich kalt war, zusammen in die Sauna.
Der Workshop war für alle eine interessante Begegnung mit den verschiedensten deutschen und russischen Gedichten und bot die Möglichkeit, sich eine Woche lang intensiv mit der nicht immer einfachen Übersetzung von Gedichten zu beschäftigen und sich gemeinsam darüber auszutauschen. Da die Arbeit bei allen Teilnehmern Begeisterung für Lyrikübersetzung geweckt hat, hoffen wir, dass dies nicht der letzte Workshop dieser Art war.
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